Couchgeflüster #32 - Simon Keller

Simon Keller ist ausgebildeter Schauspieler, arbeitet als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. 2020 hat er sich zu einem neuen Schritt entschieden: Mit BerufskollegInnen hat er die neue Filmschauspielschule filmZ (Kontakt: info@filmz.ch) gegründet. Wie seine Ideen und Visionen ausschauen, hat er mir im Interview ein paar Tage vor der Medienwoche mit den GastdozentInnen Kiki Mäder, Dominik Widmer und mir verraten.

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Simon Keller, Geschäftsführer filmZ Filmschauspielschule Zürich

Wie würdest du dich in drei Worten beschreiben?

Introvertiert, energiegeladen, kreativ.


Warum hat die Schauspielerei dein Interesse geweckt? Gute Frage – für mich gab es nie etwas anderes. Bereits vor dem Kindergarten habe ich Zirkus gespielt, damals noch im Garten meiner Grosseltern. In der Schule habe ich dann an den ersten Theateraufführungen teilgenommen. Und was war meine Abschlussarbeit in der Berufsschule? Natürlich ein Theaterstück. Es ging irgendwie gar nicht anders. Der Weg ebnete sich schon in den ganz jungen Jahren.


Du sagst, du bist introvertiert – wie passt dies mit Theaterauftritten zusammen?

Im Theater oder im Film spielst du eine Rolle. Du bist nicht dich selbst. Deshalb kannst du problemlos schüchtern sein und dann aber in Rollen schlüpfen, die das pure Gegenteil von dir als Mensch sind. Das sehe ich bei ganz vielen Leuten, die Schauspiel studieren. Es sind häufig ganz ruhige, introvertierte Persönlichkeiten, die im Alltag nicht wirklich auffallen. Und dann plötzlich... Wie auf Knopfdruck scheinen sie aufzumachen. Sie liefern ab, geben alles. Und überzeugen genau dadurch. Es ist oftmals auch so, dass man sich in der Rolle verstecken kann. Deshalb haben auch viele SchauspielerInnen überhaupt keine Probleme, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen, ob auf der Bühne oder vor der Kamera, aber sobald sie etwas selbst präsentieren müssen, werden sie nervös.


Wie ist es mit dir?

Das kenne ich auch. Wenn ich als Simon vor fremde Menschen stehe und etwas vorstellen muss, bin ich viel nervöser, als wenn ich einen Kriminellen spielen muss. Obwohl man dies von aussen als «schwieriger» betrachtet.


Obwohl du auf dem Set so Kameras, Kameraleute, Techniker, Stylisten uvm. hast, die jede Regung von dir beobachten?

Ja. Wobei... Es kommt dann schon noch darauf an, wie stark du in der Rolle bist und bleiben kannst. Wenn du deinen Fähigkeiten vertrauen kannst, ist es nicht sehr schwer. Auch intime Szenen sind dann machbar, weil man sich als Team einspielt. Es ist einfach eine Rolle, die man spielt. Wenn es aber heissen würde, dass ich als Simon eine Frau auf der Strasse küssen muss, dabei drei Leute zuschauen und zwei Kameras auf mich gerichtet sind, wäre dies schwieriger.


Was zeichnet für dich gute SchauspielerInnen aus?

Ich bin auch in der Regie unterwegs und erwarte nur Eines: Ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren. Wenn man als SchauspielerIn in der Lage ist, Spass zu haben, neue Dinge und Techniken auszuprobieren, sich auf die eigene Art in die Rolle reingibt, die Leute mitreisst, Energie in den Raum gibt, ist dies das A&O. Das sind für mich gute SchauspielerInnen. Dass es nachher auf der Leinwand oder der Bühne gut wirkt, das ist Sache der Regie.


Wie sieht es aus: Talent und/oder harte Arbeit?

Ich würde sagen 60/40 – 60% Arbeit. Ich habe schon die talentiertesten Leute gesehen, die es trotzdem nicht weit gebracht haben. Es tut mir im Herzen weh, wenn das Talent nicht genutzt wird. Aber natürlich gibt es auch das Gegenteil: Diejenigen, die so viel daran arbeiten, aber denen das Grundtalent einfach fehlt. Ohne geht es auch nicht. Doch ich finde, dass die Arbeit neben dem Talent den Hauptteil ausmacht. Auch die Selbstreflexion ist massgebend: Was kannst du? Was möchtest du? Man muss ehrlich zu sich selbst sein und sagen können, wo man gut ist, wo nicht und welchen Weg man gehen möchte. Das ist Arbeit. Und... Man darf nicht vergessen, dass man sich selbst verkaufen muss.


Habt ihr aus diesem Grund die Medienwoche mit den Gastdozenten Kiki Mäder, Dominik Widmer und mir geplant?

Genau. Es ist enorm wichtig zu wissen, wofür man steht, wie man wirkt, wohin man gehen möchte, was man zu sagen hat. Dies für sich selbst herauszufinden, ist nicht einfach. Auch wenn man stark ist in der Selbstreflexion, wird es Momente geben, an denen man nicht weiterkommt. Wir haben deshalb drei Persönlichkeiten eingeladen, den SchülerInnen ihre Skills und Erfahrungen weiterzugeben.


Wie kam die Woche an?

Sehr gut. Die SchülerInnen waren begeistert darüber, was sie alles lernen und umsetzen durften und welche Feedbacks sie zu ihren Praxisprojekten erhalten haben. Es scheint, als hätte die Woche und die unterschiedlichen Inputs von Seiten der DozentInnen den Horizont der SchülerInnen geöffnet. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich dies auf die nächsten Wochen und Monate auswirken wird.


Was bringt einem die Schauspielausbildung?

Sehr viel. Für die eigene Entwicklung, fürs Auftreten, wie man mit den Mitmenschen in Kontakt kommt. Und all dies hat nichts damit zu tun, ob man nachher vor die Kamera oder auf die Bühne steht. Das ist auch cool, aber du kannst so viele andere Dinge machen. Du als Mensch wächst enorm an den unterschiedlichen Übungen und Ansätzen.


Was ist deine Vision für die filmZ?

Wir haben ganz frisch gestartet. Jetzt kommt alles in geregelte Bahnen. Meine Vision ist die, dass die filmZ ein kultureller Mittelpunkt in Zürich wird. Für SchauspielerInnen. Unabhängig davon, ob man die Ausbildung erst gestartet hat oder schon seit fünf Jahren in der Filmbranche arbeitet. Ausgebildete SchauspielerInnen haben oftmals das Bedürfnis, sich mal wieder austauschen zu können, zu arbeiten, neue Dinge auszuprobieren, die Skills zu verbessern. Leute, die andererseits noch nicht auf dem Beruf arbeiten, möchten womöglich ihr Hobby professionalisieren.


Welches Bild hat die Gesellschaft vom Beruf SchauspielerIn?

Der Beruf ist sehr surreal für die Mehrheit. Häufig höre ich, dass es diesen Beruf in der Schweiz gar nicht gibt, sondern nur in Amerika. Genau deshalb ist es wichtig, dass unterschiedliche Leute mit den verschiedensten Backgrounds zusammenkommen. Die Schauspielkunst und das kulturelle Schaffen darf und soll mehr mit der Gesellschaft zusammenkommen.


Was zeichnet euch als Filmschauspielschule aus?

Wir legen den Fokus auf die Eigenständigkeit unserer SchülerInnen. Die Zukunft geht klar dorthin, auch wenn es viele nicht gerne hören, die zu uns kommen werden. Es geht darum, dass man Projekte selbst initiiert, das Netzwerk selbst aufbaut. Gerade in Zürich hat man diese Möglichkeiten (noch). Das Begleiten während dem Studium und danach ist dabei sehr wichtig für uns und unterscheidet uns im gleichen Moment von anderen Schulen. Alle dürfen zu uns kommen, die Tür ist offen. Man kann bei uns Castingvideos aufzeichnen, proben, Projekte mit uns starten, Drehbücher durchgehen – der Austausch ist da und wird bleiben.


Was plant ihr für Massnahmen, um diesen Austausch zu fördern?

Gerade sind wir in der Planungsphase für einen Abend pro Woche - quasi «Abend der offenen Tür». Jede/r darf an diesem Abend direkt auf die DozentInnen zugehen und eine Szene spielen, vorsingen, tanzen. Es soll so sein, wie die Probetrainings in Fitnessstudios. Ohne Druck.


Wie findet man sich in all den Tätigkeitsbereichen als Schauspieler zurecht?

Das Wichtigste ist die Selbstreflexion während der Ausbildung. Du merkst relativ schnell, wo du hingehörst. Das kannst du ein Stück weit beeinflussen, aber ein Teil wird schon früh bereits gegeben sein. Dann ist es das primäre Ziel, dass du nach den drei Jahren weisst, wohin du gehen willst Klar, du kannst jederzeit mal ausscheren und etwas probieren. Ich hatte mich auch für Musical-Rollen beworben und bin gescheitert – aber es ging darum, es zu erleben. Schlussendlich merkst du, wo es dir leicht fällt und wo nicht. Dann ist es nur verständlich und logisch, dass man dort die Zeit und Energie investiert.


Welche Schauspieltechniken unterrichtet ihr?

In meinen Augen gibt es nicht die eine Schauspieltechnik, die für jede/n da draussen passt. Es ist immer ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Ansätzen, die man dann auf sich selbst zuschneidet. Deshalb sind wir auch dahingehend sehr flexibel und offen. Wir haben so begonnen, dass alle Schauspieltechniken kurz thematisiert werden. Dann merken wir, welche Gruppe auf welche Technik anspringt. Dann laden wir Gastdozenten zu diesen Techniken ein. Alle dürfen parallel dazu aber ihre eigenen Learnings aus den Techniken rausnehmen und ihre eigene Technik bauen.


Wer führt deine Liste der LieblingsschauspielerInnen an?

Bei mir geht es stark in Richtung Verwandlungskünstler. Persönlichkeiten, die komplett umstellen können und unglaublich wandlungsfähig sind. Tom Hanks ist einer der Grössten für mich. Er schlüpft so authentisch in total verschiedene Rollen und beherrscht dabei die gesamte Bandbreite. Man glaubt ihm alles.


Was würdest du denen raten, die sich für eine Schauspielausbildung interessieren?

Wenn du es nur ein ganz kleines bisschen im Hinterkopf hast, mal davon geträumt hast, dann würde ich es einfach ausprobieren. Ob es dann zum tatsächlichen Job wird, ist zweitrangig. Du kannst mal einen Monat lang bei uns mitmachen. Entweder bist du danach ganz abgeneigt oder die Leidenschaft packt dich und du ziehst es direkt durch.