• Diana Kottmann

Couchgeflüster #2 – Severino Negri

Severino Negri bezeichne ich als Multitalent mit einer unendlichen Ausdauer, vorbildlichen Wertvorstellungen und viel Charisma. Seine Jobs erfordern zahlreiche Fähigkeiten und greifen je nach Situation bis tief in die menschliche Psyche. Es ist beeindruckend, wie er mühelos zwischen den verschiedenen Rollen wechselt. Dabei spreche ich nicht von den Rollen als Schauspieler. Er arbeitet auch als Moderator (u.a. ZFF Festival), Magier und Hypnosetherapeut.


Als was bezeichnest du dich?

Schauspieler und Mentalmagier.

Welche Skills braucht ein Mentalmagier?

Man muss sich gut in Bereichen wie Psychologie, Gesichtlesen und Körpersprache auskennen. Dazu kommt das breite statistische Wissen. Je nachdem in welchem Alter die Person ist oder woher sie stammt, hat sie andere Erfahrungen gemacht und denkt somit anders. Die ganz Jungen, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind, reagieren völlig anders als Leute wie ich oder meine Eltern. Es gibt somit Unterschiede, wie die Person mir gegenüber reagiert und wie ich sie dorthin steuern kann, wo ich sie gern hätte, damit das, was ich zeigen will, auch wirklich eintritt.


Dann ist das Ganze also eine klassische Manipulation?

Im weitesten Sinn, auch. Dies kommt natürlich zum Tragen. Gerade die psychologischen Aspekte, die Art und Weise, wie ich mit jemandem spreche oder ihn an der Schulter berühre, löst Dinge beim Gegenüber aus. Dazu kommt, dass ich auf der Bühne mehr oder weniger relaxed bin. Ich kenne diese Situation ja. Aber für die Leute, die zu mir auf die Bühne kommen, bedeutet es meist Stress. Den kann ich psychologisch für mich nutzen, indem ich ihn durch mein Verhalten zusätzlich erhöhe. Ohne dass sie es merken natürlich. Dann treten die Zeichen, die jeder Mensch von sich gibt, noch verstärkter auf.


Du liest somit das Gegenüber anhand ihrer intuitiven Verhaltensweise, den Bewegungen und den Gesichtszügen?

Exakt. Das sind die sogenannten ideomotorischen Bewegungen, die jeder von uns hat. Mikro-Bewegungen, die wir nicht bewusst steuern und auch nicht wahrnehmen können. Von aussen aber sieht man diese Bewegungen, sofern man sich darauf konzentriert.


Kannst du mir ein Beispiel nennen?

Klar! Du stehst neben einer Person und sie hält dich am Handgelenk. Die Arme hängen locker Richtung Boden, ihr schaut beide geradeaus oder schliesst die Augen. Dann sagst du der Person sie soll links oder rechts denken und dies in Befehlsform mehrere Male wiederholen. Laut ausgesprochen wird es aber nicht. Aufgrund der ideomotorischen Bewegungen spürst du, in welche Richtung die Person denkt. Je öfter du dies testet, desto stärker merkst du es. Jedes Detail sagt etwas aus und hilft, die Person zu lesen. Auf der Bühne mache ich Nummern, die auf Wahrheit oder Lüge basieren. Das ist sehr einfach.


Warum?

Weil sich die Personen verraten. Ich mache beispielsweise eine Nummer mit fünf Bällen; einer davon ist schwarz, der Rest weiss. Ich sehe nicht, wer welchen Ball hat. Diejenigen, die einen weissen Ball haben, müssen bei den Fragen, die ich stelle, lügen. Die Person, die den schwarzen Ball hat, muss ehrlich sein. Während ich herausfinde, wer welchen Ball hat, erkläre ich dem Publikum, wie ich vorgehe.

Hast du dich schon getäuscht?

Natürlich. Aber es kommt nicht oft vor. Wenn ich nicht ganz sicher bin, stelle ich die Person zurück in die Reihe und hole sie dann später nochmals hervor. Es gibt aber immer das Risiko, dass man mal daneben liegt – wie auch in der klassischen Zauberei. Vielleicht verpasst man ein Detail oder interpretiert etwas falsch. Keiner von uns ist schliesslich perfekt.


Worauf basiert das Ganze – auf Talent, Begabung oder harter Arbeit?

Diesen Job könnte jeder von uns. Jedoch bedeutet es enorm viel Aufwand, den die meisten scheuen. Ich brauchte zwanzig Jahre bis ich so weit war wie heute.

Was war das Schwierigste in diesen zwanzig Jahren?

All diese Details zu lernen und umzusetzen. Ich kann mich nicht nur auf eine Person fokussieren und die psychologischen Dinge austesten. Dann habe ich nur eine einzige Referenz. Ich muss dies mit sehr vielen Leuten testen und sie dabei beobachten. Der gesamte Statistik-Bereich braucht auch viel Zeit. Du musst an diese Statistiken rankommen und sie richtig interpretieren. Dies ist aufwändig und total langweilig. Aber manchmal braucht es die langweiligen Dinge, damit man die Leute zum Staunen bringt und ihnen für einen Moment das Kindheitsgefühl zurückgeben kann.


Wer war zuerst da – der Schauspieler oder der Magier?

Das ist eine gute Frage. Eigentlich hat alles mit einem Kartentrick begonnen, den mir mein Grossvater gezeigt hat. Das ist jetzt so 100, 120 Jahre her. Ungefähr. Den Trick habe ich dann in der Schule gezeigt. Viele kannten ihn aber schon. Dann habe ich mehr darüber gelernt. Mit 15 Jahren begann ich mit Theater. Nebenher habe ich gezaubert und mich durch die verschiedenen Genres der Magie durchgearbeitet. Ein Teil davon war Mentalmagie. Dies hat mich extrem interessiert und ich habe es parallel vorangetrieben, bis ich so weit war und Shows machen konnte.


Machst du einen Job lieber?

Nein. Bei der Schauspielerei kann ich in die unterschiedlichsten Charaktere schlüpfen und mich in Dinge hineindenken, mit denen ich mich nicht auseinandersetzen würde. Bei beiden Jobs erzähle ich eine Geschichte und unterhalte die Leute. Dies ist etwas vom Schönsten für mich. Es ist ja auch ein Teil unserer Kultur. Früher hat man Geschichten erzählt bis man sie aufschreiben konnte. Ich finde es sehr wichtig, dass man eine kulturelle Identität hat. Ein Schauspiellehrer von mir sagte immer: «Wir Schauspieler sind die Wichtigsten, denn wir zeigen den Leuten, wie man leben sollte und könnte und wie man mit anderen Menschen umgeht. Wir zeigen aber auch Abgründe, die man sonst nicht sieht.»


Belasten dich die Rollen im wirklichen Leben?

Wenn man Method Acting macht, was ich nicht mache, dann lebst du diesen Charakter permanent, auch nach dem Dreh. Dies ist sehr riskant. Es gibt aber auch andere Techniken. Jeder Schauspieler baut sich eine Art Toolbox und nimmt je nach Situation das passende Werkzeug heraus, um den Effekt herzustellen, den man braucht. Gewisse Rollen können einen aber emotional nach Drehschluss beschäftigen. Da muss man dann einfach durch.


Bist du mittlerweile immun gegen Nervosität?

Nein. Ich finde, dies gehört dazu. Gerade die grössten Entertainer sind oft diejenigen, die am meisten Lampenfieber haben, aber die beste Show abliefern. Auf der Bühne hast du eine einzige Chance. Aber genau dies gibt den Kick und liefert den Grund, warum wir diesen Job lieben.


Wirkt sich deine überdurchschnittliche Menschenkenntnis auf dein Privatleben aus, indem du weniger Überraschungen oder Enttäuschungen erlebst?

Ja und nein. Das, was ich auf der Bühne mache, braucht viel Konzentration. Dies schaffe ich 1-2 Stunden am Stück. Danach bin ich erschöpft. Der Alltag ist somit ganz normal für mich und ich achte mich nicht speziell. Wenn ich aber merke, dass etwas nicht stimmt, dann höre ich auf meinen Bauch und schaue auf die Zeichen. Oder ich teste die Person aktiv.


Letztes Thema: Hypnose. Gerade läuft die erste österreichische Produktion auf Netflix – «Freud». Du selbst wendest die Hypnose in deinen Shows an aber auch als Therapieform wie er es einst tat. Wie stehst du dieser Thematik?

Ich habe die Serie noch nicht gesehen, da ich noch mit anderen Serien beschäftigt bin. Fakt ist, dass Freud die Hypnose vor der Entwicklung der Psychoanalyse benutzt hat. Er merkte aber, dass die Patienten nur einmal zu ihm kamen, weil das Problem nach einer Sitzung behoben war. Ich persönlich war enttäuscht, als ich sehen konnte, was hinter der Hypnose steckte.


Warum enttäuscht?

Ich dachte, es würde etwas Magisches oder gar etwas Übernatürliches dahinterstecken. Aber im Endeffekt ist es nichts anderes als unser Unterbewusstsein. Dies ist unser wahres Ich, in dem alle Erinnerungen abgespeichert sind.


Hast du ein Beispiel hierfür?

Nehmen wir an, wir sind an einem Casting für einen Schauspieljob. In dem Moment, in dem eine fremde Person zur Tür hereinkommt, kannst du innerhalb kürzester Zeit sagen, ob du dich mit dieser Person verstehen wirst. Dein Unterbewusstsein sagt dir dies sofort. Die Person strahlt etwas aus, das Unterbewusstsein nimmt dies auf und gibt dir das entsprechende Bauchgefühl.

Wie hast du dein Interesse für das Thema Hypnose weiterverfolgt?

Ich habe auf Spassebene weitergemacht. Jemandem beispielsweise die Hand auf den Tisch oder an den Kopf geklebt. Dann merkte ich, dass man dies auch bei Kopfschmerzen, Allergien wie Heuschnupfen oder Ängsten anwenden kann. Ich habe deshalb noch eine Ausbildung in diesem Bereich gemacht. Ich verkaufe es nicht nach aussen, aber wenn durch Mund-zu-Mund-Werbung Leute zu mir kommen, ist dies schön. Ich nutze es für mich selber auch, wenn ich beispielsweise Kopfschmerzen habe. Dann benötige ich keine Tabletten, weil dies nicht notwendig ist.

Was sagst du zu den Kritikern?

Ich muss niemanden dazu zwingen, mit mir hinzusitzen und seine Migräne loszuwerden. Diejenigen, die Interesse haben, kommen von alleine. Ich finde es aber schön, wenn jemand trotz Skepsis offen dafür ist. Jeder darf sich bei Interesse bei mir melden.

Über Severino Negri:

Severino ist als Schauspieler und Mentalmagier schweizweit und international unterwegs. Derzeit lebt er in Berlin und verfolgt dort seine Schauspielkarriere. Parallel dazu wird er oftmals für Firmenevents gebucht, da dort die Auftritte von Magiern äusserst beliebt sind. Weitere Infos unter www.severinonegri.com.

+41 (0) 79 677 29 76

Diana Kottmann | Photography & Film
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