• Diana Kottmann

Couchgeflüster #13 – Renato Kaiser

Renato und ich sind im selben Dorf aufgewachsen. Goldach. Nicht GoldAU. Unsere Wege kreuzten sich erst vor ein paar Jahren. Vermutlich ist es dem Altersunterschied geschuldet – Renato ist sechs Jahre älter als ich. Umso dankbarer und glücklicher bin ich, dass ich ihn heute zu meinen guten Freunden zählen darf. Auch wenn wir uns aufgrund seiner vollen Agenda nur wenig sehen: Jedes Gespräch mit ihm ist echt bereichernd.


Darf Satire wirklich alles?

Oh, wir starten also direkt mit den grossen Fragen. Man sollte sich über alles Gedanken machen dürfen, über alles reden. Aber: Man muss sich zu jedem Zeitpunkt bewusst sein, was man macht. Deshalb würde ich sagen, dass Satire alles darf, bis zu dem Punkt, an dem du dir nicht mehr sicher bist. Dann musst du dir nochmals Gedanken machen. Wenn du dann immer noch findest, dass Satire alles darf, dann machst du es. Es heisst aber nicht, dass du recht hast. Aber das Gute ist, dass du dir bis zu dem Moment, in dem du den Witz machst, alles überlegt hast. Wenn du von Anfang an alles verneinst, verleugnest oder ignorierst, dann sprichst du das Thema nicht an und es bleibt für immer ein weisser Fleck. Das bringt niemandem etwas.


Ist es themenabhängig?

Das Thema spielt eine Rolle. Je heikler das Thema ist, je mehr du merkst, dass du Leute verletzen könntest, desto mehr Mühe musst du dir geben. Ich sage immer, ein schlechter Witz ist immer schlecht. Aber ein schlechter Witz über Früchte ist nicht so schlimm wie ein schlechter Witz über Chemotherapie oder Vergewaltigungsopfer. Das muss man sich bewusst sein. Man hat trotz aller Freiheit eine grosse Verantwortung. Ein Teil dieser Verantwortung ist, dass man zumindest erklären kann, warum man das gesagt hat. Satire darf alles, aber nicht jeder darf Satire. Plakativ gesagt. Aber vielleicht ist man mal nicht der Richtige für einen bestimmten Witz. Dann muss man einfach seine Selbstverliebtheit und sein Ego zurückstellen.


Was macht für dich eine/n gute/r Satiriker/in aus?

In erster Linie sehe ich Satiriker und Satirikerinnen als Entertainer, als Unterhalter. Manche sagen, Satire müsse nicht immer lustig sein. Das stimmt. Aber die Idealvorstellung ist schon, dass es lustig ist. Ein Satiriker muss mich zum Lachen bringen – und zum Nachdenken. Aber ich möchte dies nie trennen müssen. Wo beginnt Satire? Wo hört ein alberner Witz auf? Was ist politisch, was nicht? Ein Satiriker ist für mich nicht automatisch gut, weil er zum aktuellsten politischen Thema etwas Schlaues sagt. Im besten Fall schon, aber es muss nicht sein. Satire ist in meiner Definition sehr viel breiter.Ich beginne sehr gern mit den normalen, einfachen Dingen.


Wie zum Beispiel was?

Ich habe gerade etwas über WCs geschrieben. Ich habe ein WC gesehen und dachte, wie absurd das ist. Ein Männer-WC mit einer Schüssel und einem Pissoir. Aber es ist eigentlich eine Kabine für dich selbst. Du kannst einfach aussuchen. Hat jemals ein Mann einen anderen Mann aufs Klo eingeladen? Das finde ich interessant. Als ich mit Schreiben begonnen habe, wusste ich, irgendwann lande ich beim Thema Unisex-WC. Dies ist auch so passiert. Das Schöne ist, dass alle Leute noch dabei sind. Ich beginne beim WC, alle finden, das habe ich auch schon gesehen oder oh wie komisch ist das denn, und plötzlich bin ich beim Unisex-WC und sage, wie absurd ist es eigentlich, dass uns wichtig ist, wer neben uns auf dem Klo sitzt. Das wollen wir ja eh nicht wissen. Wir wollen auch nicht, dass andere wissen, dass wir da sitzen. Und dann hat man plötzlich etwas zu Unisex-WCs gesagt und alle sind noch dabei, weil es ein ganz normales Problem ist. Wenn ich aber direkt beginnen würde mit «Hey, Unisex-WC, was ist denn da los?», dann habe ich die Hälfte der Leute verloren.


Wie lange hast du für eine Nummer?

Schwierig zu sagen. Aber die einfachste Antwort ist die: Für einen Text, den ich auswendig kann, oder ein Video, benötige drei Arbeitstage. Ich muss es einplanen können. Manchmal schreibst du einen Text und die wichtigsten Pointen innerhalb von fünf Minuten, und dann hast du das Gefühl, du seist der absolute «Siebesiech». Weil du so unglaublich clever und lustig bist. Was du dann aber vergisst, ist, dass du Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre über dieses Thema nachgedacht hast.


Findest du dich selbst lustig?

Ja. Nicht immer, aber grundsätzlich ja. Es ist aber auch nicht so, dass ich ständig rumlaufe und sage, «Läck Renato, das war aber witzig!». Ich hole mir mein Selbstvertrauen und meine Selbstsicherheit nur aus der Erfahrung. Jedes Mal, wenn ich einen neuen Text schreibe, habe ich das Gefühl, ich bin eh nicht lustig, ich bin der dümmste und unlustigste Typ der Welt. Du bist unsicher, denn es ist immer wieder neu. Ich merke es aber auch bei meiner Freundin. Ich bin schon sehr lange mit ihr zusammen und ich bringe sie immer noch zum Lachen. Sehr oft auch nicht, denn wir kennen uns schon so lange und sie findet mich auch oft nicht witzig.


Wer findet dich nicht lustig?

Es finden mich sicher sehr viel mehr Leute nicht lustig als lustig. Es kennen mich aber auch viel mehr Leute nicht, als mich Leute kennen. Wenn du nur die Bühne nimmst, sitzen 100 Leute im Publikum. Wenn davon alle lachen würden, finden dich 100 Leute lustig. Und alle anderen 10, 100, 1000 Leute, die nicht gekommen sind, siehst du erst gar nicht. Ich merke es auch in den Kommentaren, wenn die Videos viraler werden. Dann geht es aus dieser Bubble heraus. Es wäre aber auch absurd, wenn mich alle lustig finden würden. Nur aus dem Grund, weil ich ja auch nicht alle lustig finde. Es gibt somit Leute, die mich nicht lustig finden. Die vermeide ich aber aktiv. Nein, natürlich nicht! Aber ich kümmere mich darum, wer mich lustig findet.


Ist Lampenfieber ein Thema?

Mal mehr, mal weniger. Auch hier kann man es nicht mehr mit dem ersten Auftritt vergleichen. Die Zeitfenster werden kürzer. Früher war es ein Tag, dann ein halber, zwei Stunden vorher und jetzt sind es vielleicht 30 Minuten vor dem Auftritt. Je nach Veranstaltung. Wenn ich etwas mache, bei dem ich sicherer bin, die Texte geprobt sind, die Leute wohlwollend, dann habe ich weniger Lampenfieber. Wenn es etwas ganz Neues ist und ich keine Ahnung habe, ob die Leute dies gut finden, dann ist das Lampenfieber grösser. Ich habe aber so einen gesunden Fatalismus. Ich gebe mir zwar enorm viel Mühe, klar. Aber dann sage ich mir, wohl aus Selbstschutz: Die Leute sind ja selbst schuld, wenn sie sich die Show anschauen! Und wenn alle es schlecht finden, mache ich es halt in übermorgen anders. Morgen heule ich noch.


TV oder Bühne?

Ich mache sehr viele verschiedene Dinge. TV-Sendungen, Videos, Radiokolumnen, geschriebene Kolumnen, ich mache ja alles und habe alles gern. Bühne wird aber immer das Coolste bleiben. Du bist dort, die Leute sind dort, du spürst die Stimmung, du siehst die Gesichter. Es geht mir dabei nicht nur ums Lachen. Ich möchte die Leute sehen. Das Lachen ist das Eine, aber das Gesicht ist noch viel besser. Es muss nicht immer ein lauter Lacher sein. Es gibt Schmunzeln, Stirnrunzeln, Kopfschütteln. Ich möchte den Leuten in den Gesichtern ansehen, was es mit ihnen macht. Weil darin sehe ich, ob es sie interessiert oder nicht. Das habe ich auf der Bühne am meisten. Bei den anderen Dingen graduell weniger. Ich weiss aber, dass das, was ich mache, auf unterschiedlichen Medien und Plattformen funktioniert.


Wie gewichtest du beim Publikum fachliche und emotionale Intelligenz?

Die emotionale Intelligenz oder das Empathievermögen ist immer wichtiger als das fachliche Wissen. Gerade auch bei Witzen. Ein richtig guter Witz verstehen alle oder sehr viele, auch wenn sie nicht den Hintergrund haben. Gerade auch das mit den Unisex-WCs. Wenn ich mit diesem Begriff beginne, dann verliere ich womöglich Leute, die das Wort noch nie gehört haben. Ein Witz ist dann gut, wenn ich ihn nicht erklären muss. Je mehr Referenzen du benutzen musst, desto schwächer wird der Witz. Ich sage nicht, dass man dem Volksmund nachschreiben muss, aber man sollte auch nicht elitär sein. Dies bringt nichts.


Woher beziehst du dein Wissen?

Von überall. Ich beobachte zuerst. Inspirationen erhalte ich aus Büchern, Zeitungen, Film und Fernsehen, von der Strasse oder auch gerne von billigen oder knalligen Schlagzeilen aus 20Min, Nau.ch oder Blick Online. Ich nehme diese dann und schaue sie mir im Detail an. Im Moment lese ich gerade «Bad Feminist» von Roxanne Gay. Ich streiche aber nicht Dinge an und denke, darüber mache ich dann die Nummer. Ich lese es, weil es mir Spass macht. Irgendwann kommt mir ein Gedanke. Oder ich lese es eben nochmals. Du darfst dich schon von einfachen Dingen inspirieren lassen, aber sobald du ins Detail gehst, musst du dir sicher sein, dass du nichts Falsches sagst. Also, was die Fakten angeht, nicht die Meinung. Kreativität und Fantasie ist super, aber das Schlimmste, das dir passieren kann, ist, dass du etwas Falsches sagst. Gerade bei Videos, die dann einfach draussen sind. Wenn es nicht stimmt, ist der Witz wertlos. In dem Moment, wenn du auf der Bühne bist, musst du dir sicher sein, dass du keinen Scheiss erzählst.


Kleiner Einstein, du!

Genau!



Über Renato Kaiser:

Renato ist Spoken Word Künstler, Komiker, Satiriker, Autor und Präsident von spoken-word.ch. Seit Herbst 2016 spielt er sein neues Programm “Renato Kaiser in der Kommentarspalte – Satire mit Hirn und Herz”. Er ist zudem bekannt für seine satirischen Videokommentare zu Politik, Gesellschaft und Kultur, zu finden als „Kaiservideos“ auf Youtube und Facebook oder als „Kaiserschnitt“ auf watson.ch. 2020 hat er den Salzburger Stier erhalten, den renommiertesten Kleinkunstpreises im deutschen Sprachraum. Ab Herbst 2020 ist er mit seinem neuen Programm "HILFE" unterwegs.



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