• Diana Kottmann

Couchgeflüster #12 – Rachida Betschart

«Black lives matter» – Im Gespräch mit Rachida Betschart


Welche Vorurteile nerven dich in Bezug auf deine Person?

Da gibt es ein paar. Viele meinen, ich könne die Sprache nicht. Oder dann werde ich meistens auf Hochdeutsch angesprochen. Wenn ich etwas wirklich nicht verstehen sollte, obwohl ich schweizerdeutsch spreche, kann ich nachfragen. Mir wird generell nicht so viel zugetraut. Es wird oftmals angenommen, dass ich dumm sei.


Wie nimmst du den Rassismus im Alltag wahr?

Ich spüre die Blicke. Ich muss aber sagen, dass ich nicht gerade klein bin und das anziehe, was mir gefällt. Das Gesamtpaket macht es da vermutlich aus. Wenn ich aber in eine Bar komme, in der nur Weisse sind, ist es klar spürbar, wie die Leute schauen. In einem Laden haben sie mich gefragt, ob ich etwas geklaut hätte. Doch dies könnte auch jeder andere gewesen sein. Nur weil ich jetzt dunkel bin, heisst dies ja nicht, dass ich klaue. Ich habe zudem eine Nachbarin, die mich einfach nicht mag. Ich habe ihr nie etwas getan. Sie war auch ganz überrascht, dass ich überhaupt Deutsch spreche. Es ist wohl das Problem mit der Herkunft...

Wie war es in deiner Schulzeit?

Als ich fünf Jahre alt war, kamen wir in die Schweiz. Meine Mama hat einen Schweizer geheiratet. Ich wuchs auf dem Land auf. Meine Nachbarin war dunkel – und ich. Klar, es hatte auch Kinder mit Migrationshintergrund, aber wir fielen eben auf den ersten Blick auf. Da mussten wir uns Dinge anhören wie wir würden abfärben, wir seien dreckig, wir stinken, die breite Nase und das Aussehen sei nicht normal... Als Kind tut es noch viel mehr weh. Jetzt könnte ich besser damit umgehen. Damals war es schwer. Ich ging oftmals nach Hause und sagte, dass ich nicht hierhin gehöre und fehl am Platz sei. Ich war schon immer gross und dünn. Lange Arme, lange Beine. Und dunkel. Das ist schon genug. Auch in der Oberstufe, nachdem ich mit dem Modeln begonnen hatte, meinten sie, ich hätte eh keine Chance. Das N-Wort fiel auch oft. Es wurden Dinge nach mir geworfen. Wirklich keine einfache Zeit als junger Mensch.

Wie ist deine Einstellung gegenüber dem N-Wort?

Ich akzeptiere nicht, wenn jemand auf mich zukommt und mich so nennt. Ich sage ja auch nicht einfach Weissbrot oder sonstige Schimpfwörter. Man sagt dies einfach nicht. Aus Respekt. Denn es ist einfach nur beleidigend.

Wie sieht es aus mit der Süssigkeit Mohrenkopf?

Ich bin im Aargau aufgewachsen. Sie haben mich als Kind oft so genannt und gesagt, ich soll doch in diesen Laden reingehen, damit ich auch verkauft werden könne. Doch selbst mit dieser Ausgangslage, habe ich diese Süssigkeit oft gegessen. Die heissen jetzt einfach so. Klar... Mohr ist jetzt nicht gerade ein gutes Wort. Aber es ist einfach eine Marke. Ich würde es in diesem spezifischen Fall nicht als Beleidigung aufnehmen.

Muss eine Umbenennung her?

Ich finde es nicht gut, dass man diese Produkte einfach aus den Regalen nimmt. So kann eine gesamte Firma zerstört werden. Sie sind bekannt wegen der Süssigkeit und nicht weil sie etwas gegen uns haben. Wenn die Geschichte noch grösser wird, ist eine Umbenennung sinnvoll. Den Rest soll man eben so lassen. Man findet immer eine Lösung, statt etwas aus dem Sortiment zu nehmen.

Was fühlst du, wenn du an die Demonstrationen von «black lives matter» denkst?

Als ich das Video von George Floyd gesehen habe, hat es mich extrem traurig gemacht. Dass wir heute immer noch nach Hautfarbe unterscheiden und werten, verstehe ich nicht. Ich finde es gut, dass jedes Land, jede Stadt, sich dafür einsetzt. Es gibt Leute, die sagen, es gäbe Wichtigeres. Diejenigen betrifft es aber auch nicht. Doch uns begleitet es ein Leben lang.

Gibt es etwas, das du an deiner Optik ändern würdest?

Ich bn ganz ehrlich. Ich habe meine Nase operieren lassen. Sie war sehr breit und markant. Ich habe mich nicht mehr wohl gefühlt. Ich wünschte mir eine schmalere Nase. Einfach damit ich mich in meinem Körper wohler fühlen konnte.

Was möchtest du weitergeben?

Mein grösster Wunsch ist es, dass ich anderen Menschen helfen kann. Egal, wie man aussieht – man kommt im Leben weiter. Wir müssen mehr kämpfen. Ich finde es nur schon doof, dass wir aufgrund einer anderen Hautfarbe mehr leisten müssen. Ich will zeigen, dass auch wir eine Chance haben und Vieles erreichen können.


Es gibt ja auch Rassismus innerhalb der eigenen «Gruppe». Wie nimmst du das wahr?

Das finde ich lächerlich. Es gibt verschiedene Hauttöne und Nuancen. Auch bei weiss. Nicht alle sind gleich weiss. Nicht alle sind gleich dunkel. Es gibt für Frauen nicht nur zwei Arten von Make-Up sondern Dutzende Optionen, da sich die Farben eben immer unterscheiden. Mir ist es so egal, welche Farbe ein Mensch hat. Schon gar nicht untereinander sollte man dies machen. Man muss zusammenhalten und nicht gegeneinander agieren.

Wurdest du auf der Strasse schon angefeindet?

Ja, während dem Einkaufen. Ein Mann wurde von einem Polizisten kontrolliert. Ich wusste nicht, worum es ging. Dann zeigte der Polizist auf mich und kam auf mich zu. Er meinte: "Sie gehören sicher auch zu ihm." Ich antwortete, ich wisse nicht, wovon er sprach. Der Polizist war dann ganz erstaunt, dass ich deutsch sprechen konnte.

Welche Dinge verletzen dich am meisten?

Als ich mal im Zug sass, ist eine ältere Dame aufgestanden und wechselte den Platz. Solche Dinge sind schon krass. Eine andere Situation war diese: Ich hatte meine Taschen auf den Sitzen verteilt. Als Teenager in der Ausbildung. Ein älterer Herr hat mich dann angesprochen. Er meinte, ob ich das Gefühl hätte, zuhause zu sein. Ich solle sonst zurückgehen. In der Schweiz würden sie aufräumen und für alle Platz machen. Da dachte ich wow. Ich bin wohl nicht die Einzige, die die Taschen ein wenig ausgebreitet hatte.

Man kann auch einfach anständig sein.

Genau. So gibt man einem immer das Gefühl, dass man nicht hierhin gehört. Ich persönlich brauchte sehr lange, mit der Situation klarzukommen. Ich war wie ein Baum ohne Wurzeln. Ich war da, aber doch nicht verwurzelt. Ich wusste, dass ich hier aufgewachsen bin, aber ich habe mich nicht wohl gefühlt wegen meiner Hautfarbe. Du siehst jeden Tag, dass alle anders sind als du. Das ist nicht einfach. Du hast immer das Gefühl, du bist anders, irgendetwas ist komisch, du bist nicht normal. Doch was ist denn normal?

Wie ist es in der Liebe?

Ich bin jetzt mit einem Deutschen zusammen. Und für mich ist es einfach normal. Doch ich spüre, dass die Leute schauen. Oftmals werden wir auch auf Englisch angesprochen. Da frage ich mich dann schon... Ich denke, man verliebt sich einfach. Mir gefallen eben blaue Augen. Und ich finde Deutsch als Sprache sehr schön. Doch es ist alles Geschmacksache. Manche sagen, ich müsse mit jemandem zusammen sein, der dunkel ist. Warum denn?

Hast du schon Vorurteile im Geschäftsumfeld erlebt?

Ja, als ich auf der Suche nach einer Lehrstelle war, konnte ich in einem Laden einen Schnuppertag absolvieren. Es machte total Spass. Am Abend haben sie mich dann gefragt, wie es mir gefallen hat. Es war alles super. Doch dann fragten sie, ob die Kunden nicht Angst vor mir hatten. Ich verstand erst gar nicht, worauf sie hinauswollten. Sie meinten, ich sei ja doch anders wegen der Hautfarbe. Ich hätte die Lehrstelle bekommen, habe aber dankend abgelehnt. Wenn etwas schon so beginnt, wird es immer Probleme geben. Ein Jahr später war ich für ein Vorstellungsgespräch in Zug eingeladen. Sie fragten sich, ob die Hautfarbe nicht ein Hindernis sei für die Kunden. Da wurde ich sauer. Denn die Arbeitsleistung hat damit nichts zu tun. Es könnte auch ein Italiener oder ein Schweizer kommen und den Job schlecht machen. Den Job habe ich dann auch dankend abgelehnt. Wenn man sich nur schon solche Fragen stellt...

Wie ist es im Modeln?

Da habe ich auch Einiges gesehen. Ich habe mit 14 Jahren begonnen und war auch im Ausland. Ich musste mir eingestehen, dass es nicht wirklich meine Welt ist. Die Oberflächlichkeit ist zu stark. In der Schweiz hörst du, dass sie 1-2 dunkle Models dabei haben wollen. Damit sie «international» wirken. Warum muss man dies so begrenzen? Ich wurde oft nicht gebucht, weil ich zu wenig dunkel war, keinen Afro hatte, meine Lippen nicht zu markant waren. Ich sei keine typische Schwarze. Oder zu schön. Sind die Leute aus Afrika denn nicht schön? Alle wollen zeigen, dass sie "dabei sind". Das stimmt aber nicht. Nur weil man eine Person bucht, zeigt dies überhaupt nicht, dass man international und weltoffen eingestellt ist.

Wann ist ein Mensch für dich schön?

Es ist die Ausstrahlung. Unabhängig vom Aussehen. Grösse, Figur, ... – spielt keine Rolle. Es ist der Charakter und wie man sich gibt. Authentizität. Dies macht einen schön. Das macht so viel aus. Schönheit ist vergänglich. Aber Charakter und Ausstrahlung bleiben. Man wird sich lange Zeit an solche Personen erinnern.

Über Rachida Siera Betschart:

Rachida Siera Betschart ist keine Influencerin; sondern möchte mit ihren Erfahrungen zu einem verständnisvolleren Miteinander motivieren. Sie arbeitet als International Sales Coordinator für einen global führenden B2B Fleetmanagement Provider. Parallel dazu absolviert sie die Weiterbildung zum Marketing Manager HF. Seit ihrem 14. Lebensjahr modelt Rachida und durfte bereits in jungen Jahren in Shanghai, Paris wie auch in Zimbabwe tätig sein.

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Diana Kottmann | Photography & Film
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