• Diana Kottmann

Couchgeflüster #1 – Mirjam Jaeger

Den Start in meine Portraitserie «Couchgeflüster» macht die wunderbare Mirjam Jaeger. Eine Frau, deren Eigenschaften mich schon beim ersten Aufeinandertreffen beeindruckten. Sie ist offenherzig, ehrlich, schlagfertig und begegnet einem stets auf Augenhöhe. Auch wenn man so ängstlich die schwarzen Pisten hinunterkriecht, wie ich dies tue. Es ist unglaublich wertvoll, wenn eine eher zufällige Begegnung in eine tiefgründige und unbezahlbare Freundschaft führen darf.


Wie definierst du wahre Freundschaft?

Mit einem wahren Freund oder einer wahren Freundin muss man durch dick und dünn gehen können. Das Gegenüber akzeptiert mich so, wie ich bin. Mit all meinen Schwächen und natürlich auch mit meinen guten Seiten. Das ist für mich das Grundprinzip. Eine Freundin muss auch mal aushalten können, wenn ich sie anschreie. Dasselbe gilt im Umkehrschluss auch für mich. Daran darf eine wahre Freundschaft nicht zerbrechen. Das gibt’s aber nicht oft. Ich kann meine echten Freunde an einer Hand abzählen.


Wie konntest du in deiner Sportkarriere wahre Freunde von denen unterscheiden, die nur an deinem Erfolg teilhaben oder dich nur deswegen kennen wollten?

Zu Beginn des Erfolgs, sei es im Sport, im Modelbusiness oder im Musikbereich, bemerkt man den Unterschied nicht. Man denkt nur: «Geil, alle wollen etwas von mir! Voll fett!» Meistens ist man dann aber auch noch jung und unerfahren. Es braucht einfach Zeit. Oder es passiert etwas, damit man die Lektion lernt. Bei mir kam es schnell. Ich musste das Kreuzband operieren und war auf Hilfe angewiesen. Dann trennt sich der Spreu vom Weizen schneller als man denkt. Man lernt dann, sich nicht mehr blenden zu lassen.


Wie reagierst du, wenn dein Sohn Louie eines Tages auch in den Spitzensport möchte?

Ich würde ihn von A-Z komplett unterstützen. Auch wenn ich die gewählte Sportart vielleicht nicht so cool finden würde. Mein Lieblingssport tut da schliesslich nichts zur Sache.

Vermisst du die alten Zeiten?

Jeder Lebensabschnitt hat seine Dauer und somit ein Ende. Jetzt wäre ich zu alt, um dasselbe zu leisten und zu leben wie damals. Es war eine wunderbare Zeit. Ich bin einfach nur glücklich, dass ich diese überhaupt erleben durfte. Was ich manchmal vermisse, ist nicht der Spitzensport und damit der Druck, der immer auf dir lastet, sondern die unbeschwerte Zeit mit dem Reisen und dem einfachen Leben in den 20er. Das hat sich schon verändert.


In wie fern?

Ich bin wieder in der Schweiz. Man verspürt zu jeder Zeit einen gewissen Druck, hat Verpflichtungen und muss viel stärker darauf achten, dass man das Sparen nicht vergisst. Genau deshalb ist es das Gefühl der Unbeschwertheit, das mir fehlt, wenn ich zurückblicke.


Wie hat sich das Leben dann nochmals verändert, seit du Mama geworden bist?

Mimi schreit in just diesem Moment: «Louie!»

Ich lache herzlich. «Was machst du Schönes, ui...», frage ich Louie und breche den Satz dann doch rasch ab. Denn Mimi lenkt die Smartphone-Kamera auf das Kunstwerk, das der Kleine an der Wand hinterlassen hat und uns voller Stolz anschaut.

Mimi seufzt. Mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht.


Auch hier ist die Unbeschwertheit ein Stück weit weg. Man hat eine Verantwortung über ein noch kleines Lebewesen, das man in die Welt gesetzt hat. Dies ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Man merkt aber, dass nicht mehr alles so unkompliziert ist. Die Verantwortung über dieses Geschenk steht an erster Stelle. Es ist nicht mehr möglich, einfach so mal zwei Monate auf Reisen zu gehen. Diese Dinge muss man sich vorher bewusst sein. Gerade als freiheitsliebender Mensch, wie ich es bin.

Wie bringst du es unter einen Hut, gleichzeitig eine gute Vollzeit-Mama zu sein und daneben noch deiner Selbständigkeit nachzugehen?

Mein grösster Konkurrent ist die Perfektion. Ich will die perfekte Mama und perfekt im Job sein. Das ist ein Spagat, bei dem ich manchmal daran zerbreche. Ich kann die Küche nicht einfach mal Küche sein lassen, es muss alles immer gemacht sein. Ich musste lernen, relaxter zu sein. Nicht, dass der Job dann darunter leidet, aber wenn Louie mal mit einem dreckigen Shirt herumrennt, ist es nicht das Ende der Welt. Es ist einfach okay.


«Mama... »

«Yes?»

«What’s this?»

«That’s for a fruit, I think. Or where did you get that?»

Und dann ist der Kleine auch schon wieder aus dem Bild verschwunden.


Wie ist deine Einstellung gegenüber der Spracherziehung?

Wir haben uns bewusst für Englisch und Deutsch entschieden. Sprachen verbinden uns Menschen. Es hilft dir im Leben enorm weiter; ob beruflich oder persönlich. Auch wenn Louie mal reisefreudig ist, wird es ihm helfen. Schön wäre es, wenn er direkt noch eine dritte Sprache lernen könnte, aber man sollte nur eine Sprache pro Person weitergeben.


Wie definierst du Erfolg heute?

Für mich war Erfolg immer mit dem Beruf verknüpft. Ich bin auch jemand, der sich über den Erfolg identifiziert. Ich lebe nicht gerne ohne Erfolg. Dies war schon immer so, warum weiss ich nicht. Mittlerweile kommt natürlich hinzu, dass Erfolg auch eine andere Form annehmen kann. Eine Familie beispielsweise. Natürlich ist ein Kind eine unbeschreibliche Erfüllung. Aber ohne meine beruflichen Tätigkeiten, wäre ich auch nicht glücklich. Ich bin wahnsinnig gern Mama, aber ich brauche den beruflichen Erfolg. Denn ich bin jemand, der sehr gerne arbeitet. Ich liebe Herausforderungen und ich brauche sie, wie die Sportkarriere aufzeigt. Ohne diese, fühle ich mich leer.


Welche Werte und Eigenschaften gibst du Louie mit auf den Weg? Abgesehen davon, dass er schon mit auf die Skipiste kommt?

Respekt, Anstand und Akzeptanz. Dies sind die Basics. Für mich zumindest. Dann geht es weiter zum Durchhaltevermögen. Louie kann erreichen, was er möchte. Aber: Ohne Fleiss, keinen Preis. Dies versuche ich ihm aufzuzeigen. Gerade auch in meinem engen Kreis sind alles Achievers, sprich Leute, die etwas erreichen, etwas im Kopf und viel Elan haben und ihm dies auch mitgeben. Da gehörst du auch dazu.


Apropos Achiever... Du als ehemalige Spitzensportlerin hast bestimmt den bewegenden Artikel «Lieber bin ich frei als ängstlich» über Curdin Orliks’ Outing gelesen. Wie würdest du reagieren, wenn Louie sich eines Tages als homosexuell outen würde?

Dann ist er eben schwul. Na und? Ich hoffe es aber nicht. Nicht, weil ich etwas gegen Schwule habe. Viele in meinem nahen Umfeld sind schwul. Ich hoffe es nur aus dem Grund nicht, weil ich weiss, dass ich dann kein Grossmami werde.


Es gibt ja andere Wege.

Stimmt. Ich sage mal auf natürliche Art und Weise. Ansonsten hätte ich absolut kein Problem damit. Warum sollte ich auch? Louie muss sich wohlfühlen und entfalten können. In diejenige Richtung, in die er möchte. Dies ist wichtig. Das habe ich immer gemacht, auch wenn es manchmal gegen den Willen meiner Eltern war.


Wie gehst du mit einer krassen Ohrfeige um – ob beruflich oder emotional?

Ich konnte immer dort Kraft tanken, worin ich richtig gut war. Das ist... Surprise! Mein Job, meine Passion. Auch wenn das Problem mit dem Sport zu tun hatte. Jetzt ist Skifahren nicht mehr Priorität. Ich tanke aber weiterhin Kraft in meinen Projekten und Jobs. Man darf aber nie vergessen, dass es nicht einfach ist, wieder aufzustehen. Alleine ist man aber nicht.


Hast du sonst noch einen Gedanken, den du zu unserem «Couchgeflüster» äussern möchtest?

Ja. You rock!


Über Mirjam Jäger:

2003 bis 2015 war Mimi Spitzensportlerin im Bereich Freestyle-Ski. Es gelangen ihr zahlreiche Podiums- und Spitzenplatzierungen, darunter als Höhepunkt die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft 2015. Seit 2017 ist sie Mama eines süssen Jungen und vereint den oftmals unterschätzten Job als Vollzeit-Mama mit ihren Auftritten als Moderatorin und Model.

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