• Diana Kottmann

Couchgeflüster #17 - Michel Fornasier aka »Bionicman«

»Enthindert statt behindert« - Worte, die mir seit der Begegnung mit Michel Fornasier aka »Bionicman« (Give Children a Hand) in mein Gehirn tätowiert sind. Michel Fornasier kam ohne rechte Hand zur Welt. Nachdem er sein Handicap viele Jahre versteckt hat, machte er es sich zur Aufgabe, Kindern zu helfen. »Ich habe auch ein... Handicap«, sagte ich am Schluss unseres Gespräches zu Michel. Nach Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten, meinte er: »Du meinst eine Besonderheit?« Unser Gespräch war bereichernd. Überzeugen Sie sich gleich selbst:

Wie schlimm war und ist deine Besonderheit für dich?

Eine fehlende Hand ist zwar keine schwere Beeinträchtigung dafür eine sehr sichtbare. In der Kindheit war es oft schwierig damit umzugehen. Besonders als Teenager, wenn Mädchen wichtiger werden als Legobausteine und das erste Date vor der Tür steht. Ich verliebte mich in ein Mädchen aus dem Nachbardorf. Doch ich war unsicher und hatte Angst ihr zu sagen, dass mir eine Hand fehlt. So bastelte ich mir eine Gipshand und gab vor, beim Skateboardfahren gestürzt zu sein. Diese “Ausrede” konnte natürlich nicht für immer so stehen. Nach drei Tagen erzählte ich Julia die Wahrheit. Sie meinte dazu: »Ob du nun drei Augen oder eine Hand weniger hast, ich habe dich lieb, so wie du bist.« Wir sind heute noch befreundet, denn sie ist ein wundervoller Mensch. Ein prägendes Erlebnis hatte ich beim Sport. Ich spielte mit Leidenschaft Basketball und wollte im Club trainieren. Der Trainer wies mich ab und meinte: »Wir sind hier nicht bei den Paralympics!«. Als 15-jähriger Teenager war dies eine sehr schmerzhafte Erfahrung.


Wie bist du mit solch schwierigen Situationen umgegangen?

Jan, ein sehr guter Freund von mir ist querschnittsgelähmt und daher mobil stark eingeschränkt. Er hat mit seiner körperlichen Beeinträchtigung Frieden geschlossen - er ist mit sich und der Welt im Reinen und strahlt vor Glück. Das zu sehen, berührt mich sehr. Wir führten stundenlange Gespräche – in guten wie auch schwierigen Zeiten. Er ist für mich ein Held. 


Also einfach glücklich sein...

Genau. Eine Studie aus Nordamerika zeigt dies besonders anschaulich. Befragt wurden Menschen mit und ohne Trisomie 21, ob sie glücklich seien. Bei den Befragten ohne Trisomie 21 antworteten 23% mit »Ja«. Bei den Befragten mit Trisomie 21 antworteten 98% mit »Ja«. 


Wie wurdest du »Bionicman«?

Die Kinder waren die Inspiration. Oft fragten sie mich, ob meine bionische Handprothese über Superkräfte verfüge. Als ich dann mit »Kann gut möglich sein« antwortete, meinten sie voller Euphorie: »Wenn ich gross bin, wünsche ich mir auch so eine tolle Zauberhand. Dies war die Geburtsstunde von »Bionicman«, dem Superhelden mit Handicap.


Was steckt hinter »Give Children A Hand«?

Die Stiftung fertigt zusammen mit Spezialisten, Designern und Besitzern von 3D-Druckern massgeschneiderte Handprothesen für Kinder. Die Prothesen sind für Kinder viel mehr als nur ein Stück Kunststoff. Sie sind Schutzschilder. Erst kürzlich meinte eine Mutter, dass ihre Tochter die Handprothese bzw. Zauberhand abends mit ins Bett nimmt, um sich im Schlaf beschützt zu fühlen. Dies ist ein schönes Kompliment für unsere Arbeit. An Geburtstagsparties verkleiden sich Kinder als »Bionica« oder »Bionicman«, feiern sich, und fühlen sich als Superhelden mit oder ohne Beeinträchtigung. Es geht um die Stärkung des Selbstwertes, denn alle sind gleich besonders. 


Was ist das Spezielle am Comic?

Sämtliche Geschichten sind gewaltfrei. Auch gibt es alle Charakteren in den Comics im echten Leben, es sind somit keine fiktiven Figuren. David Boller (langjähriger Zeichner bei Marvel, DC Comics) und mir war/ist dies besonders wichtig. »Bionicman« wird durch ein »Defizit« zum Superhelden. Bei anderen Superhelden ist es eine Gabe oder ein Talent, doch hier eine vermeintliche Schwäche, welche ihm besondere Kräfte verleiht. Die fehlende Hand steht sinnbildlich für alle Zahnlücken, abstehenden Ohren usw., sprich für alle Besonderheiten. Es geht um Mindsetting, seine Besonderheit anzunehmen und in eine Superkraft zu verwandeln. 


Hast du dich im Bereich »Mobbing-Prävention« weitergebildet?

Nein. »Bionicman« ersetzt deshalb auch keine Spezialisten oder Fachstellen sondern bildet Synergien. Denn gemeinsam ist man immer stärker. 

Wovor fürchtest du dich?

Gute Frage. Ich möchte nicht sagen, dass ich ein furchtloser Superheld bin. Aber denke Respekt trifft es besser - Respekt vor neuen Herausforderungen, dass die Dinge auch so funktionieren, wie wir uns dies vorstellen.


Wer sind deine Superhelden?

Kinder und Teenager mit einer körperlichen Beeinträchtigung, die voll zu ihrem Handicap stehen. Ich weiss, wie schwierig dies ist. Das sind meine Superhelden. Ich bewundere diese Menschen und habe den grössten Respekt. Am Ende des Tages sind wir alle besonders. Das macht es irgendwie leichter.


Ist die Verfilmung von »Bionicman« ein Thema?

Lasst euch überraschen.



Über Michel Fornasier:

Bionicman ist das Comic-Alterego von Michel Fornasier. Auf seiner »Rise & Be Nice Tour« besucht er Schulen, Kinderspitäler und Rehas. Er motiviert Kinder auf eine spielerische Art zu mehr Menschlichkeit und Akzeptanz. Die Kinder erfahren, dass jeder Mensch besonders ist und eine vermeintliche Schwäche zur Stärke werden kann. Denn Magie beginnt da, wo Mobbing endet.

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