Couchgeflüster #36 - Michael Schweizer

Michael Schweizer ist Comedyautor, Podcaster und Inhaber der Agentur «Live Fabrik». Seine Karriere startete als Radioproduzent für Radio24. Für SRF arbeitete er mehrere Jahre als Comedyautor, bevor er mit Stefan Büsser und Aron Herz den Podcast «Quotenmänner» startete. Seit 2016 führt er mit Fabio Nay die Live Content Marketing-Agentur «Live Fabrik». Warum er Nussgipfel testet, selbst nicht Comedian wurde und was bei Live-Produktionen unabdingbar ist, erfahren Sie im folgenden Interview.

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Michael Schweizer | Comedyautor, Podcaster & Mitinhaber Live Fabrik | ©livefabrik.ch

Du warst Comedy-Autor beim SRF - warum nicht selbst Comedian?

Ich hatte schon als junger Bub «Komiker» in die Freundschaftsbücher geschrieben, als es um den Berufswunsch ging. Aber ich kam nie auf die Bühne. Das hat damit zu tun, dass du eine gewisse Hemmschwelle überschreiten musst. Heute ist es nicht mehr so stark wie früher, da es viele Open Mic Shows gibt, wo du dich präsentieren und platzieren kannst. Als ich aber zwischen 20 und 25 Jahre alt war, gab es diese Möglichkeiten nicht wirklich. Du musstest dich aktiv bei Veranstaltern, Promotern, Agenturen etc. melden und einbringen. Das bewundere ich an Stefan Büsser am meisten. Wie er bereits etablierte Comedians angegangen ist, sich fürs Vorprogramm vorgeschlagen hat, bei Veranstaltern, Bookern. Es gab da mal fünf Minuten, an einem Ort drei, irgendwo einen Miniauftritt. Dann hatte er den Mut für ein eigenes Programm und mietete das «Kaufleuten». Diesen hätte ich nie gehabt.


Darf Satire alles?

Satire darf all das, was für dich und deine persönliche, subjektive Grenze tragbar ist. Wir Menschen haben oftmals das Gefühl, dass alle anderen dieselbe Grenze für sich haben müssen. Dem ist nicht so. Unter Humor verstehen und empfinden wir alle etwas anderes. Es gibt keine Grenze, die verallgemeinert werden kann. Wenn du den Krebs besiegt hast, findest du Witze über Krebskranke vielleicht lustig, weil es deine Art von Humor ist, damit umzugehen. Wenn du aber vor zwei Tagen jemanden aus der Familie an Krebs verloren hast, bist du nicht empfänglich für solche Witze. Es gibt keine «Alles-oder-Nichts-Regel». Denn die Grenze ist zu 100% individuell und subjektiv. Wir alle gehen auch anders mit Schicksalsschlägen und Problemen um. Es gibt Menschen, die können lachen und ein Comedyprogramm schreiben, dass sie einen Arm verloren haben. Andere fallen in eine Abwärtsspirale und gehen nicht mehr aus dem Haus, weil sie sich schämen. Jeder hat eine völlig andere Grenze. Für mich darf Satire absolut alles. Aber das gilt nur für mich persönlich.


Wie erklärst du dir den Erfolg von «Quotenmänner»?

Der Erfolg basiert auf drei grundlegenden Pfeilern. Einerseits auf dem SRF, dem grössten Medienhaus der Schweiz. Wenn das SRF ein Projekt umsetzt, kommt dieses automatisch eines Tages in den Fokus. Zweitens ist die Reichweite von Stefan Büsser massgebend. Wenn ein Comedian in das Projekt involviert ist, der eine Viertelmillion relevanter Follower hat auf allen Kanälen zusammen, dann musst du «nur» noch gut abliefern. Klar, es muss ein durchdachtes Produkt sein, damit es langfristig funktioniert. Doch ich bin davon überzeugt, dass es hier draussen hervorragende Podcasts gibt, die aber einfach niemand hört, weil sie niemanden erreichen. Der dritte Faktor ist der, dass unser Podcast ein breites Publikum erreicht. Wir haben 16-jährige Sek-/GymischülerInnen und gleichzeitig schreiben uns Leute jenseits der 65. Das macht es aus. Wenn du dich sehr spezifisch in einer Nische bewegst und du beispielsweise «nur» schwangere Frauen ansprichst, kannst du nie so ein breites Publikum ansprechen und die Reichweite aufbauen.


Welche Podcasts hörst du selbst gerne?

Dies ist immer unterschiedlich und von den gewünschten Themen abhängig. Momentan verpasse ich keine Folge «Fest & Flauschig». «Gemischtes Hack» und «Moser & Schelker» höre ich auch sehr gerne. Wenn es um historische Ereignisse geht, höre ich «Geschichten aus der Geschichte» – ein Podcast von zwei Historikern. Wann immer möglich höre ich «Roger gegen Markus», ein Podcast mit Roger Schawinski und Markus Somm sowie «Doppelpunkt» ebenfalls mit Roger Schawinski. Dann höre ich «Sträter Bender Streberg», der Podcast von bekannten Comedians und einem Drehbuchautor, die über Kinofilme, Games und Nerd-Themen reden, «Feel Good» mit Joel Mutzenbecher, «Ehrenrunde» mit Stefan Büsser und Manuel Rothmund, «Podcasts der Podcast», bei dem es um eine Parodie auf die deutschen Podcasts geht, «Herrengedeck» von zwei Frauen, die ich lustig finde oder «KOG – Komiker ohne Grenzen».


Du führst mit Fabio Nay die Agentur «Live Fabrik». Wo liegen die Herausforderungen im Bereich Live Content Marketing?

Die Schwierigkeit ist, dass Leute erkennen, dass sie generell Content auf ihren Kanälen brauchen. Doch dies wird den Unternehmen immer bewusster. Wenn ich zurückdenke, wie die Lage vor zehn Jahren ausschaute. Niemand konnte verstehen, dass man überhaupt Content braucht. Live-Content noch weniger. 1x pro Woche ein Bild aus dem aktuellen Katalog bringt wenig. Man muss Geschichten erzählen können. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies live oder vorproduziert geschieht. Es braucht eine Geschichte, ein Erlebnis. Und dies muss sinnvoll mit dem Produkt verknüpft sein, das du verkaufen willst. Das ist die grösste Herausforderung.


Wie hat sich die Nachfrage für Live Content während der Corona-Pandemie verändert?

Die Nachfrage nach Live-Content hat sich aufgrund von Corona allgemein massiv gesteigert. Wir als kleine Agentur stellten aber einen antizyklischen Verlauf fest. Die Anfrage wuchs, jedoch haben wir nicht übermässig viel umgesetzt. Da wir die Kapazitäten oftmals nicht haben. Zahlreiche Anfragen haben wir unseren Partnerfirmen abgeben müssen.


Ist Live-Streaming die Zukunft? Oder nur eine Corona-Notlösung?

Man muss den Begriff «Live-Streaming» definieren. Schlussendlich ist Netflix nichts anderes als Streaming. Ob der Content dabei live produziert wird oder nicht, ist zweitrangig. Es geht darum, dass es gestreamt wird. TV ist nichts anderes als Streaming und in manchen Fällen Live-Streaming. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen und Unternehmen neue Potentiale entdeckt haben. Aber ein Live-Erlebnis vor Ort, ein Konzert, ein Festival, eine Sportveranstaltung wird nie durch eine Aufnahme ersetzt werden können. Es wird nur ein Zusatzangebot sein und bleiben. Streaming wird es vermutlich immer geben, nur die Form wird sich in Zukunft noch verändern. Radio war schon immer ein Live-Streaming einfach nur per Audio, dann kam TV, dann Internet. In Zukunft werden es vielleicht VR-Brillen sein in einem Stadion. Die Frage ist somit, in welche Form sich das Streaming noch verändern wird


Was braucht es, um guten Live-Content zu erstellen in Vergleich zu einem herkömmlichen Videodreh?

Erfolgreicher, professioneller Live-Content steht und fällt einzig und alleine mit dem Fokus auf die Vorbereitung. Das ist das Entscheidende. Wenn du Live-Content hast, diesen streamst, ist er draussen. Du kannst nichts zurücknehmen, bearbeiten oder gar reparieren. Der berühmte Satz «We’ll fix it in post» existiert schlichtweg nicht. Du kannst nichts in der Postproduktion verändern. Also ist es wichtig, dass im Vorfeld alles minutiös durchgeplant wird. Jegliche Fehlerquellen müssen einem bewusst sein und man muss wissen, wie man im Ernstfall darauf reagieren würde. Es gibt nie keinen Weg zurück. Ansonsten musst du es mit genau so viel Liebe, Enthusiasmus und Kreativität wie ein «normales» Video umsetzen. Einfach mit einer noch besseren Vorbereitung, weil man nur diese eine Chance hat. Doch genau dies ist auch der Nervenkitzel, der sehr viel Spass bereitet.


Was macht einen Live-Stream aus?

Die Interaktivität und/oder die Dringlichkeit, die wiederum zu einer emotionalen Verbindung führen. Es braucht entweder Interaktivität oder eine Dringlichkeit. Eine Sportveranstaltung hat Dringlichkeit, weil du das Resultat unbedingt wissen möchtest. Interaktion gibt es dann, wenn ein Musiker ein Interview gibt und du den ZuschauerInnen die Möglichkeit gibst, Fragen zu stellen. Wenn weder Interaktion noch Dringlichkeit gegeben ist, muss sich fragen, ob es überhaupt einen Live-Stream braucht oder ob nicht eine reguläre Aufzeichnung geeigneter ist.


Kannst du ein aktuelles Beispiel nennen?

Vor ein paar Tagen hat Ford ihr neues Auto präsentiert. Der F150 ist seit über drei Jahrzehnten das meistverkaufte Auto der USA. Diese weltweit berühmte und beliebte Pick-up-Ikone gibt es nun in elektrischer Form. Ford hat diese Produktpräsentation auf einer Bühne präsentiert und diese Präsentation live gestreamt. US-Präsident Joe Biden kam ebenso ins Bild, stieg ins Auto ein und fuhr eine Runde. Als Ford-Fan sitzt du vor dem Fernseher und hast das Gefühl, dass du gerade Teil von etwas Historischem geworden bist. Das ist Storytelling und Live Content Marketing auf höchstem Level.


Was ist wie wichtig in Sachen Technik?

Bild- und Tonqualität müssen optimal sein. Ein Live-Stream ist nicht in 1.5 Minuten geschaut. Oftmals gehen diese 10, 20, 30 Minuten oder gar zwei Stunden. Wenn du möchtest, dass die Leute dranbleiben, dann müssen Bild- und Tonqualität stimmen. Und dafür muss man genug investieren. Es sollte nicht jemand sein, der in der ersten Reihe mit einem Handy steht und alles verwackelt. Klar… Wenn ein Online-Portal ein Video von einem Riesenschwan veröffentlicht, dann macht dies nichts, wenn es verwackelt ist. Wenn du aber eine halbe Stunde oder eine Stunde einen qualitativ hochwertigen Live-Stream schauen möchtest, ist schlechte Tonqualität der Grund, wegzuklicken.