• Diana Kottmann

Couchgeflüster #8 – Marco Andre da Silva

Honey, Step Up, Save The Last Dance, Stomp The Yard oder Klassiker wie Dirty Dancing, Saturday Night Fever, Grease, Flashdance. Wer kennt sie nicht? Ich persönlich gehörte zum Team Jessica Alba, also Team Honey. 2003. Da war ich 12. Es war die Zeit, in der ich Leute erdulden musste, dessen Hobby nicht lesen war, sondern Mobbing. Im Film geht es neben dieser Thematik um den typischen Aufstieg einer jungen Frau in Amerika, die zu Beginn nichts hatte. Tanzen ist ihr Lebensinhalt. Ihre Geschichte hat Parallelen mit der von Marco Andre da Silva. Ein junger Mann, der zu den begnadetsten Tänzern in unserem Land zählt und jeden um sich herum inspirieren kann.


Beginnen wir mit der klassischen Frage. Was bedeutet Tanzen für dich?

Oh, wow... Die Frage aller Fragen. Tanzen ist für mich Ausdruck. Es ist ein Ventil. Ich habe damit begonnen, als ich 8, 9 Jahre alt war. Tanzen wurde zu jenem Ort, an dem ich glücklich, traurig,... einfach alles sein konnte. Ich konnte die Dinge im Tanzen verarbeiten. Das, was jeden Tag um mich herum passierte. Und ausleben. Ich habe auch schon versucht, ein Jahr auszusetzen, als ich den Fokus aufs Modeln gelegt hatte. Doch das hatte Auswirkungen. Denn ich fühlte mich so, als ob ich mich verloren hatte. Tanzen bin ich.


Wann bezeichnest du einen Tänzer als «gut»?

Es gibt sehr viele Tänzer. Das Wichtigste für mich ist, dass es aus dem Herzen kommt. Es geht nicht einfach um die Technik, die man von A-Z lernen kann. Sondern darum, ob das Herz mit dabei ist. Tanzen ist emotional. Ob man nun Tänzer ist oder aus Spass im Club tanzt, sobald man die Musik fühlt und sein Herz öffnet, ist man in meinen Augen ein guter Tänzer.

Ist es Talent oder harte Arbeit?

Schwierige Frage. Ich habe darüber erst vor kurzem mit meinem Kumpel diskutiert. Ich würde sagen, dass es ein Mix davon ist. Aber: «Hard work beats talent». Finde ich. Wenn jemand sehr talentiert ist, aber keine Arbeit reinsteckt und sich keine Mühe gibt, dann kann jemand, der weniger talentiert ist, aber daran arbeitet, das Rennen machen. Es ist nämlich immer das, was du aus dem Talent machst.


Hast du einen Lieblingstänzer?

CJ Salvador. Das ist ein Kumpel von mir aus den Staaten. Er tanzte für Justin Bieber und Jennifer Lopez. Er ist für mich definitiv eine Inspirationsquelle. Aber es gibt so viele verschiedene Arten von Tanz. Ich habe nicht DEN Einen, den ich gut finde, sondern in jeder Sparte meine Favoriten. Ian Eastwood ist auch super. Ich verfolge ihn und auch ein paar weitere auf den sozialen Medien und lasse mich gerne von ihren Choreografien inspirieren.

Welche Skills braucht man?

Definitiv Ehrgeiz und Disziplin. Tanzen ist etwas, das man lernen kann. Wie Singen auch. Es geht um Technik und Übung. Aber man kommt im Tanzen immer wieder an Punkte, die man nicht kann. Dinge, die einem schwerfallen oder Verletzungen. Das Wichtigste ist, dass man dranbleibt. Regelmässiges Üben. Es ist alles «Muscle Memory». Der Körper kennt die Bewegungen je länger je mehr. Je öfter man die Abläufe macht und übt, desto rascher kann man Neues erfassen und umsetzen.

Quelle: YouTube

Taktgefühl braucht es nicht?

Doch, auch. Wenn es einen selbst zum Tanzen und zur Musik zieht, ist aber meistens schon eine Art von Musik- oder Taktgefühl vorhanden. Wenn man das nicht hat, gibt es einfache Klatschübungen, die einem dabei helfen.

Wie ist die Jobsituation hier verglichen mit Amerika?

Amerika produziert viel mehr. Die Unterhaltungsbranche ist viel grösser und es gibt auch viel mehr Leute, die Tanzshows oder Tanzfilme sehen wollen. In der Schweiz ist die Nachfrage rückläufig, weil es eine finanzielle Frage ist. Viele Brands investieren weniger in Tänzer, weil du dann eine kleine Gruppe zahlen musst, plus den Probetag. Viele weichen deshalb auf Luftakrobaten oder Seilartisten aus. Dies kommt natürlich günstiger. Aber klar, in der Schweiz kannst du schon auch als Tänzer arbeiten. Es hat Jobs. Aber es ist nicht der Platz, an dem du auf einen Platz in einer Welttournee eines Künstlers hoffen solltest.

Wie steht es mit Thema Tanzfilme?

2011 hatte ich die Hauptrolle im Schweizer Tanzfilm «Dance Off». Es hat mir enorm viel Spass gemacht, denn es war der Einstieg in die Schauspielerei. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mir für meine Zukunft neue Herausforderungen suche. Wenn, dann würde ich gerne mal eine Rolle spielen, die nichts mit Tanzen zu tun hat. Richtung Drama oder Action.

Wo liegen dann deine Ziele?

Ich bin ein typischer Selfmade Man. Ich komme von einem Ort, an dem ich keine grosse finanzielle Unterstützung hatte. Ich möchte den Leuten die Skills weitergeben. Gerade denjenigen, die auch hier in der Schweiz sind, in einem eher introvertierten Land, bei dem der akademische Part im Fokus steht. Ich möchte jeden motivieren, indem ich meine Erfahrungen und mein Wissen teilen kann. In Form einer Agentur beispielsweise.

Wie wäre es mit einer Tanzschule? Ich wäre eure erste Schülerin.

Tanzschulen hat es schon sehr viele auf engem Raum. Interessant wäre es aber, eine Plattform für Tänzer zu gründen. Denn es besteht eine Lücke zwischen dem erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung und dem tatsächlichen Berufseintritt. Es gibt zwar zahlreiche Ausbildungen, aber all die Leute, die dann abschliessen, haben keine Anlaufstelle. Es bringt ihnen niemand bei, wie sie sich bewerben sollen, wie sie den CV ausrichten, wie sie Jobs finden... Von meinem Jahrgang arbeitet beispielsweise niemand mehr als Tänzer. Warum? Weil ihnen niemand half, sie auf den richtigen Weg zu bringen und zu begleiten. Das ist genau der Punkt, an dem ich einspringe. Ich helfe den Leuten dabei, wie sie als Tänzer arbeiten können, wie sie an ihrer Bühnenpräsenz arbeiten, wie sie sich bewerben müssen.

Wie muss ich mir ein Tanztraining vorstellen?

Jedes Training besteht aus einem Warm-Up, einem freiwilligen Krafttraining, Eindehnen und der Choreografie. Diese Struktur bleibt bei allen Tanzstilen ähnlich. Aber dann unterscheiden sich die Inhalte. Beim Ballett beispielsweise wärmt man an der Stange auf mit Plié. Wenn du oft auf den Knien bist, dehnst du diesen Bereich mehr, wenn du mehr mit den Schultern machst, dann diesen Bereich.

Du erholst dich gerade von einer Verletzung. Wo lauern die Gefahren im Tanzen?

Überall. Man weiss es nie. Ich habe mich bei einer Bewegung, die ich jahrelang bereits gemacht habe, verletzt. Es kann überall und immer passieren. Deshalb ist das Körperbewusstsein das Wichtigste. Dass du dich selbst spürst und weisst, wie dein Körper funktioniert. Nur auf diese Weise kannst du die Verletzungsgefahr minimieren, indem du dich bewusst und kontrolliert bewegst. Ich habe mir schon oft die Hamstrings gezerrt, weil ich nicht ganz so beweglich war zu diesem Zeitpunkt.

Welchen Rat würdest du denen weitergeben, die Profitänzer werden möchten?

Grundsätzlich kann jeder tanzen. Die Frage ist, ob man es schafft, über seine eigene Schwellenangst zu springen. Dies ist der Hauptgrund, warum Leute erst gar nicht anfangen. Beim Tanzen ist es wie bei der Schönheit. Es liegt im Auge des Betrachters. Jeder Mensch bewegt sich anders, hat eine andere Körperhaltung, fühlt andere Dinge. Das Wichtigste beim Tanzen ist es, dass man aufhört, sich zu schämen, wie man aussehen könnte. Es ist noch nie ein Meister vom Himmel gefallen. Auch ich war in einer Ausbildung, in der man mir sagte, ich solle besser aufhören, Tanzen sei nicht mein Ding. Dann habe ich weitergemacht und drei Jahre später war ich Profi. Man muss den Schritt wagen und sich nicht darum kümmern, wie man jetzt aussieht. Ein guter Freund von mir hatte zwei linke Füsse. Und dann tanzte er auf der Tournee von Kylie Minogue.


Über Marco Andre da Silva:

Marco Andre da Silva arbeitet seit Jahren als Profitänzer für diverse Fernsehproduktionen, Tanzshows und Modeschauen. Parallel dazu ist er auch in Werbeproduktionen als Model tätig. Er war bereits das Gesicht von Emirates, Schweppes und vielen weiteren Brands.

+41 (0) 79 677 29 76

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