• Diana Kottmann

Couchgeflüster #5 – Simon & Nora Kersten

Ich fand Yoga immer unglaublich faszinierend, wohl deshalb, weil ich bis vor ein paar Jahren sehr unbeweglich war. Ich nahm mir aber nie die Zeit dazu, Yoga über längere Zeit zu erkunden. Der Lockdown hat dazu geführt, dass ich in den vergangenen Wochen weitaus mehr Zeit für mich hatte, als ich mir je hätte vorstellen können (ich bin eine derjenigen, die alleine wohnen). Ich wagte also einen neuen Anlauf. Nach Noras' erster Online-Yoga-Lektion auf 20min.ch fühlte ich mich so erfüllt und gleichzeitig entspannt wie schon lange nicht mehr. Noch bin ich weit weg von einer Yogini, aber der positive Einfluss auf meine innere Ruhe, das Selbstvertrauen und den Schlaf ist bereits seit vielen Tagen spürbar.


Worin besteht der Sinn des Lebens?

Simon: Es mag sich vielleicht abgedroschen anhören, aber für mich liegt der Sinn darin, so viele glückliche Momente wie möglich zu erleben. Dabei schätze ich die Freiheit und somit die Möglichkeit, das Leben so gestalten zu können, wie ich möchte. Eine kleine Familie, wie wir sind, ist natürlich das grösste Glück. Auch wenn ich andere Menschen glücklich mache, sei es durch meine Person oder das, was wir zusammen erleben, macht es mich automatisch auch mit glücklich. Für mich dreht es sich ums Thema Glücklich sein und wie ich dies erreichen kann.

Nora: Eine sehr schöne Frage – danke. Solche Fragen lösen sehr viel aus innerlich, da man sich automatisch fragt, ob man auf dem richtigen Weg ist und das macht, was einen erfüllt. Darin liegt für mich auch der Sinn. Erfüllt mich das, was ich tue, mit Liebe, Freude und Leichtigkeit? Oder nimmt es mir Energie, macht es mich traurig, schwach oder müde? Für mich ist mein Yoga-Weg extrem erfüllend, sei es als Schülerin aber auch als Yogalehrerin. Zu wissen, dass das, was ich mache, einen grossen Wert hat, weil ich auf diese Weise enorm viele Menschen dabei unterstützen kann, dass sie sich besser fühlen oder dass sie auch einen Weg finden durch Yoga einen Sinn zu finden, erfüllt mich.


Warum hast du dich für Vinyasa-Yoga entschieden?

Nora: Als ich damals mit Yoga begonnen hatte, war ich ein unruhiger Mensch. Es fiel mir enorm schwer, einfach mal sitzen zu bleiben. Ich war zudem überall verkürzt und hatte auch die Kraft nicht, mich aufzurichten. Yoga hat mich in den Bann gezogen, weil es um viel mehr geht als nur das Körperliche. Es ist eine ganze Philosophie. Vinyasa habe ich als angenehm empfunden, weil es eine Bewegungsmeditation ist. Speziell auch die bewusste Atmung mit der Bewegung, das ist das, was mich erdet und was mir guttut.

Was steckt hinter athleticflow?

Simon: Ein ganzheitliches aber kurzweiliges Training bestehend aus HIIT (High Intensity Training) und Yoga Flows. Wenn du diese beiden Bereiche sonst trainierst, musst du zwei Kurse besuchen. Wir haben das Programm so aufgebaut, dass du körperregionspezifisch im HIIT Bereich arbeitest und dann die derselbe Muskelgruppe mit den Yoga Flows mobilisierst. Auf diese Weise kommen wir dahin, dass du in die Tiefendehnung kommst und deine Balance trainierst, aber auf der anderen Seite auch Körperfett verbrennst und deine kardiovaskulären Fähigkeiten verbesserst.


Wie hat sich eure Lage verändert, seit ihr regelmässig auf 20Minuten vertreten seid?

Simon: Es ist eine wundervolle Geschichte, die auf einer tollen Zusammenarbeit basiert. Wir haben zu Beginn eine Woche eingeplant, daraus wurden dann bereits vier. Gerade haben wir beschlossen, nochmals zwei anzuhängen. Wir erreichen viele neue Leute und erhalten herzergreifende Nachrichten. Das ist wirklich schön. Das heisst, die Leute machen nicht nur mit beim Athleticflow und beim Yoga und finden es cool, sondern nehmen sich Zeit, gehen auf die Website, schicken uns eine E-Mail oder schreiben uns auf Instagram.


Eine Yoga- und Athleticflow-Stunde im Livestream mit Tausenden von Leuten. Wie sieht es da mit der Nervosität aus?

Simon: Ich werde null nervös. Aber ich kann auch vor Tausend Leuten direkt athleticflow machen. Ich fühle mich erst dann weniger komfortabel, wenn es um ein Fotoshooting geht. Wenn es Videos sind, bin ich entspannt. Bei Nora ist es umgekehrt. Da ergänzen wir uns sehr gut. Ich mache mir dies aber auch nicht so bewusst, dass da teilweise bis zu 13'000 Leuten reinklicken. Für mich geht es aber auch darum, sie schön durch den Flow zu führen und zu motivieren.

Nora: Ich bin froh, dass ich zu Beginn nicht wusste, wie viele Leute zuschauen. Die Zahl hätte mich nervös gemacht. Wenn eine Person zuschaut, ist es anders, als wenn es mehrere Tausend Leute sind. Aber es ist schlussendlich unwichtig, wie viele es sind. Denn es geht nicht um mich, sondern dass durch meinen Körper und meine Stimme Yoga und das Wissen darüber weitergegeben wird.


Wie geht ihr mit kritischen Kommentaren um?

Simon: Es ist gelogen, wenn man sagen würde, es interessiert mich gar nicht. Irgendwie will man nämlich trotzdem, dass alle etwas Positives schreiben. Aber es ist nicht die Realität. Du kannst auch Dwayne 'The Rock' Johnson heissen und wirst trotzdem viele Leute haben, die den neuen Film nicht mögen. Damit muss man lernen umzugehen. Wenn man es gar nicht kann, darf man nicht in die Öffentlichkeit.

Nora: Man kann es nicht allen Recht machen. Deshalb muss man sich entscheiden – erst dann ist man authentisch. Sich selbst zu zeigen, wer man wirklich ist, dies ist der Schlüssel. Wenn man versucht, jede Meinung, jeden Wunsch zu integrieren, dann verliert man sich. Ich mache den Unterricht auf meine Art und Weise, damit ich meiner Intention folge, Gutes zu bewirken. Wenn es jemandem nicht gefällt, ist dies natürlich in Ordnung. Dann findet die Person auch einen passenderen Lehrer.


So wie ich weiss, wurde Yoga ursprünglich von Männern praktiziert. Begegnet ihr trotzdem Vorurteilen?

Nora: Genau, sehr lange war Yoga für die Frauen nicht zugänglich. Indra Devi wurde nach Fürsprache des Maharajas (König) von Mysore 1938 als erste Frau von Krishnamachary zur Yogalehrerin ausgebildet. Aber Yoga ist schon 3000-4000 Jahre alt. Trotzdem ist es interessanterweise so, dass viele Männer denken, es sei nur für Frauen.

Simon: Das Lustige ist auch, dass ich mich erst dagegen gewehrt habe, das Wort «Yoga» in der Beschreibung von Athleticflow zu verwenden, obwohl ganz viele Yoga-Flows mit drin sind. Ich hatte die Befürchtung, dass Männer nicht in den Kurs kommen, wenn sie das Wort lesen. Mit der Zeit konnten wir uns nicht mehr wehren, da es in den Medien als Yoga-Workout betitelt wurde.


Ist es zu wenig männlich?

Simon: Ja – Männer wollen das klassische Auspowern. Dies haben sie beim Athleticflow, aber in der reinen Yogastunde nicht. Hinzu kommt, dass sie denken, sie seien nicht so flexibel. Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, für dich das Richtige zu finden. Gerade wenn du nicht so flexibel bist, ist es umso wichtiger, daran zu arbeiten. Doch viele sind dann auch mit dem Vergleichen beschäftigt. Auch darum geht es nicht. In Sportarten wie Fussball oder Eishockey braucht es das, weil es ein Wettkampf ist. Aber im Yoga hat dies nichts zu suchen.


Der Ursprung von Yoga als philosophische Lehre liegt in Indien. Reinkarnation und Karma gehören zu den Grundsätzen. Vertritt man als Yogi/Yogini diese Grundeinstellung?

Nora: Ja – wenn man sich mit der Philosophie ganzheitlich auseinandersetzt. Das yogische System besagt, dass wir aus fünf Körpern bestehen. Der Kern des Menschen ist hierbei der Anandamaya Kosha. Im Gegensatz zum Äusserlichen, Energetischen, Mentalen sowie Intellektuellen verändert sich dieser Körper nicht. Die anderen vier verändern sich über die Jahre. Das Problem ist, dass wir uns immer mit den äusseren Schalen identifizieren und nicht verstehen, dass es nicht darum geht. Wenn du stirbst, wer bist du dann? Das, was bleibt, ist das, was du wirklich bist, was schon immer da war. Dies ist dann die Seele oder wie immer man dies beschreiben möchte. Sie geht weiter und wird in einem neuen Körper wiedergeboren oder löst sich dann komplett auf, weil sie den Sinn des Lebens gesehen hat und alles gelernt hat.


Wie findet ihr die Balance zwischen der gemeinsamen Firma, dem Eltern-Dasein und eurer Beziehung?

Simon: Die Balance ist nicht immer möglich. Ich sehe das Ganze so wie ein Schiff, das auf See ist und auf Kurs gehalten werden muss. Es ist aber okay, wenn es Momente gibt, in denen einer von uns tagelang nur im Geschäftlichen steckt oder nur auf die Kleine (Malu) fixiert ist. Wenn man reflektieren kann, lösen sich über 90% aller Probleme. Aber genau das machen wir Menschen ja oftmals nicht. Ich fasse mir da auch selbst an die Nase. Da hast du Tausende von Nachrichten, das Geschäft läuft, und dann bist du im Tunnel drin und gehst immer weiter. Aber du musst dann irgendwann unterbrechen, dich hinsetzen und eine halbe Stunde nachdenken. Was mache ich gerade? Bin ich glücklich?

Nora: Was mir gut tut und geholfen hat, ist die Tatsache, keinem perfekten Bild entsprechen zu müssen. Ich glaube es ist normal, dass man aus der Balance fällt und sich dann zurückfindet. Ich möchte, dass wir eine gute Beziehung haben, ich ein gute Mutter bin und natürlich auch, dass es beruflich gut läuft mit den Yogaausbildungen. Aber ich weiss, dass viele Dinge immer wieder liegenbleiben. Doch damit konnte ich Frieden schliessen. Meine To-Do-Liste wird nie fertig und das ist auch okay so.


Man sagt, dass das Konfliktpotential höher ist, wenn man als Paar zusammen arbeitet. Was ist euer Geheimtipp?

Simon: Das ist nicht unwahr, denn dies zu trennen ist utopisch. Ich wüsste nicht, wie dies gehen soll. Ich glaube aber, dass wir sehr gut zusammenpassen. Deswegen ist es überhaupt möglich, dass wir eine Familie sind, zusammen leben, das Leben geniessen und eben zusammen arbeiten. Und dann versuchen wir, ein paar Sachen zu trennen. Sei es im Haushalt sowie im Geschäftlichen.

Nora: Wir haben auch dieselben Ziele. Uns ist beiden sehr wichtig, dass das, was wir machen, anderen etwas bringt. Natürlich gibt es die Momente, in denen Reibung entsteht. Das Wichtigste ist dann aber wie immer die Kommunikation. Dies ist der Schlüssel. Und hilfreich sind die unterschiedlichen Qualitäten, die sich ergänzen.


Über Simon & Nora Kersten:

Simon und Nora Kersten sind für ihr selbst entwickeltes Training «athleticflow» bekannt. Simon ist der Trainer dieser Serie, während Nora als Yogalehrerin tätig ist. Die Kombination aus Yoga und Cardio/Kraft ist in diesem Bereich einzigartig und erfreut sich immer mehr Beliebtheit.



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