• Diana Kottmann

Couchgeflüster #14 - Jessica Matzig

Jessica und ich kennen uns seit Jahren. Ihre berufliche Kombination von Schauspiel und Psychologie hat mich schon am ersten Tag fasziniert. Wie sie die beiden Berufe sieht, welche Methoden sie selbst nutzt und in ihren Workshops weitergibt und wo die Gefahren liegen, hat sie mir im Interview verraten.


Was bist du lieber – Schauspielerin oder Psychologin?

Phu! Ich habe eine Leidenschaft für beide Berufe, denn sie sind stark miteinander verbunden. Als ich die Entscheidung treffen musste, was ich studieren möchte, hatte ich bereits ein festes Engagement an einem Theater. Darum habe ich mich dazu entschieden, etwas anderes zu studieren. Weil mein Herz zweigeteilt ist, Psychologie mich schon immer sehr interessierte, habe ich mich fürs Psychologiestudium entschieden und habe es dann grösstenteils mit der Schauspielerei finanziert. Und es ist nach wie vor so, dass ich beides unglaublich liebe. Im Bereich Psychologie habe ich die Weiterbildung zur Sexualtherapeutin gestartet. Mein Fokus in den nächsten Jahren wird aber auf Schauspiel, Regie und Schauspielcoaching liegen.


Warum Sexualtherapeutin?

Ich habe den Master in klinischer Psychologie. Für mich war immer klar, dass ich noch eine therapeutische Weiterbildung machen möchte, aber ich wusste nicht genau welche. Im Master hatte ich dann ein spannendes Modul - «Sexuelle Funktionsstörungen». Das faszinierte mich sehr. Ich wollte die Masterarbeit in diesem Bereich machen, aber es hatte zu der Zeit keine Themen zur Auswahl und ich hätte ein Jahr warten müssen. Das wollte ich aber nicht und machte deshalb eine externe Masterarbeit an der ETH, weil die Themen mich mehr interessiert haben als an der Uni. Die Thematik hat mich aber nie losgelassen. Nachdem ich das Buch «Die Psychologie der sexuellen Leidenschaft» von David Schnarch gelesen habe, wusste ich, dass es schon das ist, was ich machen möchte.


Kann jeder schauspielern?

Ich würde sagen, dass jeder schauspielern lernen kann. Es gibt ein Grundtalent, das unterschiedlich ausgeprägt ist, aber ich glaube, dass der richtige Lehrer aus jeder Person eine/n Schauspieler/in machen kann. Die Blockade im Schauspiel ist oftmals eine psychologische Blockade, und darum finde ich es toll, dass ich die Dinge miteinander verbinden kann. Oft ist es auch so, dass in der Schauspielschule Traumata wieder aufgerissen werden, wenn man gewisse Übungen macht. Das Problem ist dann aber, dass man oftmals nicht die Betreuung hat, die man dann bräuchte. Man wird nicht so aufgefangen, wie man sollte.


Wo liegt die Gefahr im Schauspiel?

Ich glaube, das oberste Ziel von uns Schauspielern muss sein, dass wir psychisch stabil und gesund sind. Wir müssen davon wegkommen von diesem Klischee, dem «tortured artist». Riskant ist das Ausleben der Rolle in der Realität. Nehmen wir beispielsweise die Rolle eines Obdachlosen. Es bringt Risiken mit sich, wenn man dann beispielsweise sechs Wochen lang wirklich obdachlos lebt und draussen schläft um sich auf eine Rolle vorzubereiten. Das muss man auch nicht. Wir haben die Tools, die wir brauchen inklusive der Fantasie.


Welche Methoden wendest du an?

Die Ausbildung, die ich gemacht habe, basiert auf Movement Psychology. Es wird so nur noch an dieser Schule in London gelehrt. Die Methode basiert auf Bewegung und Psychologie, wie es der Name sagt. Für mich unterscheidet sich ein exzellenter Schauspieler von einem guten oder passablen Schauspieler dadurch, dass er seinen Körper vollkommen im Griff hat. Nehmen wir die Rolle Joker, die Joachim Phoenix verkörperte. Wie er mit der gesamten Körperlichkeit in diese Figur geht, ist einfach der Wahnsinn. Es ist so schön, da zuzuschauen. Wenn ich mir dann selbst zuschaue beim Arbeiten, merke ich, dass ich unterschiedliche Methoden verbinde. Dasselbe bei meinen Workshops. Ich mische die verschiedenen Aspekte und Methoden zu meiner eigenen Methode. MaMe – Matzig Method quasi. Ich lasse mich von allem inspirieren.


Was ist deine grösste Angst?

Schwierig. (überlegt eine Weile)

Ich habe Angst, zu bereuen.


Was ist die grösste Herausforderung im Leben als Schauspielerin?

Definitiv die Unbeständigkeit. Man hat wenig Stabilität, es ist schwierig längerfristig zu planen, weil du nie genau weißt, was kommt. Corona hat das Jahr bei mir zerstört. Es kamen Existenzängste hoch. Weil alle Aufträge abgesagt wurden, habe ich 4-5 Monate lang nichts verdient. Und so wie es aussieht, erhalte ich keine Entschädigung. Das ist sicher eine Herausforderung.


Und rollenmässig?

Jede Rolle fordert einen in gewisser Weise heraus. Zum Beispiel «Gretchen» in Faust oder nächsten Sommer «Käthchen von Heilbronn» von Heinrich von Kleist – diese Rollen sind sicher komplexer. Im Theater hatte ich bisher die herausfordernderen Rollen als im Film. Aber ich glaube, dass die ganz schwierigen, komplexen Rollen erst noch kommen.


Wo liegen die Unterschiede: Theater vs Film?

Schauspielerisch gibt es nicht viele Unterschiede, ausser dass du im Theater natürlich je nach Bühne grösser spielen/lauter sein musst. Aber es muss echt sein, egal ob dies auf der Bühne ist oder vor der Kamera. Ich mache oftmals die Erfahrung, dass die Figuren im Theater komplexer/mehrdimensionaler sind, was viel schöner ist zum Spielen. Aber das hängt vielleicht auch mit der ganzen Probenzeit zusammen, die man halt beim Film so nicht hat. Man hat mehr Zeit und Möglichkeit für die Figurentwicklung.


Was möchtest du deinen Workshop-Teilnehmern vermitteln?

Ich bewerbe meine Workshops mit relativ psychologischen Beschreibungen. Dies führt dazu, dass oftmals Teilnehmer kommen, denen es momentan nicht so gut geht, die aber etwas Neues ausprobieren möchten. Einfach etwas Gutes tun für sich selbst. Mein Ziel ist es dann, dass jeder, der den Raum verläusst, ein riesiges Strahlen im Gesicht hat. Und ich glaube, ich kann mit Stolz behaupten, dass dies bisher immer der Fall war. Ich möchte, dass diejenigen, die zu mir in den Workshop kommen, eine Erfahrung machen, die ein Stück weit ihr Leben verändert. Auch wenn es sich etwas pathetisch anhört. Ich möchte ihnen einen Anstoss geben und aufzeigen, dass da noch mehr Potential vorhanden ist, dass es Dinge zu erleben und zu verändern gibt. Und: Es gibt Heilung, Zusammenhalt und Verständnis. Der Workshop soll eine Bereicherung sein für jeden. Ein Freund hat meine Arbeit mal als "herzöffnend" bezeichnet, das fand ich schön und das ist seither auch mein Ziel.



Über Jessica Matzig:

Jessica Matzig ist Klinische Psychologin, Pädagogin, Schauspielerin, Regisseurin und Schauspiel Coach. Nach ihrem Masterstudium an der Universität Zürich ist sie nach London gezogen um dort noch eine Schauspielausbildung mit Schwerpunkt Character Analysis und Movement Psychology zu machen. Momentan weilt sie für mehrere Projekte in der Schweiz, wo sie auch regelmässig Schauspielworkshops für Anfänger und Fortgeschrittene/Profis anbietet.


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