• Diana Kottmann

Couchgeflüster #6 – Chanelle Wyrsch

Vorurteile. Wir kennen sie alle. Ich versuche immer, die Leute nicht in Schubladen zu stecken, sondern mir ein Gesamtbild zu machen. Denn das Äussere blendet uns oft, gerne und meistens viel zu lange. Doch das, was sich dahinter verbirgt, zählt. Über dies und weitere Themen habe ich mit der aktuellen Bachelorette Chanelle Wyrsch gesprochen. Die sympathische Frohnatur hat nämlich mehr zu geben als ihre Attraktivität. Doch lest und schaut doch gleich selbst.


Wie bist du dazu gekommen, als Landschaftsgärtnerin bei deinem Vater zu arbeiten?

Schon zu Schulzeiten habe ich für ihn gearbeitet. Am Mittwochnachmittag half ich zwei Stunden und konnte so mein Taschengeld von 20 auf 50 Franken aufbessern. Es war immer der Ort, an dem ich arbeiten konnte, wann ich wollte. Gerade in der Zeit nach den Tourneen oder jetzt mit den Auftritten und Modeljobs ist es die optimale Lösung. Nun bin ich immer Mitarbeiterin des Monats, weil ich die einzige Frau bin.


Wo siehst du deine musikalischen Ziele?

Mein Traum wäre es, eine Tournee zu spielen. Aber ich plane nicht zu weit voraus. Ich bin mehr der Familienmensch und diese steht an erster Stelle. Ich weiss nicht, ob es in einem Jahr oder in zehn Jahren soweit ist. Deshalb habe ich hier auch keine riesigen Pläne.


Schreibst du auch Songs?

Ich habe schon geschrieben. Aber generell eher weniger. Ich wäre zwar sehr kreativ, aber ich bin noch nicht gross dazu gekommen, dies weiterzuentwickeln.


Woher kommt deine herzliche Ausstrahlung?

Ich bin wohl einfach so. Ich genoss eine wunderschöne Kindheit mit einer super Familie und einem tollen Freundeskreis und musste bisher noch keine Schicksalsschläge verkraften, die mein Leben stark verändert haben. Natürlich habe ich auch mal einen schlechten Tag, an dem ich schon am Morgen merke, dass es nichts wird. Ansonsten gehe ich gerne strahlend durchs Leben.

Kommst du nach deiner Mama oder deinem Papa?

Optisch und in Sachen Temperament bin ich meine Mama und noch stärker meine Grossmütter, vorallem die arabische Seite. Die Körpergrösse und den Arbeitswillen habe ich von Papa.


Wie oft kommst du in Berührung mit Vorurteilen?

Täglich. Dies hängt nicht mal mit der Presse zusammen, sondern kann auch an einer Barbecue-Party vorkommen. Gerade Männer denken oft, dass ich ein Dummerchen bin, das sie verarschen können. Dies ist aber nicht so einfach. Das merken sie dann, wenn eine ordentliche Ansage zurückkommt. Ich sage immer, man soll einen Menschen nie nach dem Äusseren beurteilen, sondern schauen, was er kann.


Welches Feedback hast du von deinem Umfeld erhalten?

Meine Freunde und Cousins haben es gefeiert, als die Anfrage reinkam. Meine Mama und meine Schwester waren skeptisch. Sie sagten dann, ich soll Papa fragen, was er davon hält, wenn ich in dieser Sendung mitmachen würde. Und er fragte zurück: Was ist das? Mama meinte dann, es sei die Sendung, in der eine Frau mit allen küsst. Doch so schlimm ist es dann doch nicht. Da sind wir auch wieder beim Thema Vorurteile. Ich fand, ich passte in die Sendung und deshalb machte ich mit, unabhängig davon, was die anderen sagten. Jetzt sind alle begeistert.


Wie hast du dich vor der Ausstrahlung der ersten Folge gefühlt?

Ändern konnte ich nichts. Ich war so, wie ich immer bin, aber fragte mich, ob das auch bei den Zuschauern so ankommt. Denn das Schwierige ist, dass du nie weisst, wie die Menschen reagieren. Als ich die Folge dann zu Ende geschaut hatte, dachte ich: Ist okay. Das positive Feedback hat mich dann darin bestätigt, dass es richtig war, mich selbst zu sein.


Wie sieht es aus mit negativen Rückmeldungen?

Davon gab es ein paar wenige. Es sind aber Rückmeldungen, mit denen ich nichts anfangen kann. Es ist keine konstruktive Kritik. Beispiel: Du bist hässlich. Oder ein anderes: Du bist eine Transe. Wenn Leute sich beklagen, wünsche ich mir, dass es Punkte sind, die ich verbessern kann. Aber schlussendlich kann man nicht jedem gefallen. Wenn ich mich unters Messer legen würde, hiesse es dann, ich sei die korrigierte Tussi.


Wie können sich Gefühle entwickeln, wenn ein ganzes Kamerateam einen dabei beobachtet?

Reine Gewöhnungssache. Du findest diesen Menschen interessant und sprichst mit ihm. Dann denkst du, ob nicht einfach mal alle wegschauen können, weil sie nerven. Doch mit der Zeit ist es dir egal, was rundherum passiert. Du blendest es aus und merkst gar nicht mehr, dass die überhaupt noch da sind – bis es dann heisst: «Drehschluss!».


Wie hast du dich vorbereitet?

Ich ging für drei Wochen ins Fitnesscenter, damit ich den Jungs nachkomme, wenn es sportliche Einheiten geben sollte. Zusätzlich dazu habe ich die Bachelorette Staffeln geschaut, vor allem die von Adela, weil sie auch so eine Strahlefrau ist. Schlussendlich ist es dann aber so, dass ich nicht mehr machen konnte, als nach Thailand zu gehen, mich selbst zu sein und das Herz offen zu halten.


Wie entwickelt sich aus der Sendung eine Beziehung, die jahrelang anhält?

Es ist Glück. Dazu kommt es darauf an, was du daraus machst. Wie bei allen anderen Beziehungen auch. Du musst dich kennenlernen, etwas aufbauen, den Alltag finden. Dann merkst du schnell, ob es funktioniert oder nicht. Viele sagen, es sei nur eine Inszenierung. Doch nur weil du dich im TV kennenlernst, heisst dies nicht, dass es zum Scheitern verurteilt ist. Ich bin in diesem Business gross geworden und kenne viele Paare, die sich in diesem Umfeld kennengelernt haben und noch heute zusammen sind. Es kann also durchaus klappen, aber es müssen beide Seiten wollen.


In meinen Augen sind diese TV-Sendungen gesellschaftliche Phänomene. Alle machen sich darüber lustig, aber schalten trotzdem ein. Warum?

Ich denke, dies ist überall so. Wir reden etwas zuerst schlecht und dann schauen wir es trotzdem. Natürlich kann es sein, dass die Sendung nicht gut ist, weil einem die Personen darin nicht zusagen. Aber es einfach das schnelle Vorverurteilen. Dagegen kann man nichts tun. Und schon bin ich wieder beim Thema Vorurteile. Zuerst schauen und dann urteilen. Schön langsam.


Wo lagen deine persönlichen Herausforderungen?

Genug Schlaf zu kriegen. Dies war beim Dreh nicht so einfach. Schwierig ist aber auch das Gefühlschaos. Du gehst dorthin und findest den toll und den auch. Dann musst du fokussieren, denn du willst ja einen finden und nicht fünf. Für mich war dies krass. Ich bin total altmodisch eingestellt. Fünf Dates, ein Kuss. Es gibt auch nur einen nach dem anderen. Da hast du einen täglichen Wechsel.


Wie würdest du das TV-Format verändern?

Ein Zwillingspaar fände ich witzig. Aber dann auch nur 22 Männer. Was ich auch spannend fände, wäre eine Hochzeit oder zumindest eine Verlobung. Dann würde ich die Länder wechseln und mehr reisen.


Ich habe einen Kommentar in einem Beitrag gehört, der mir geblieben ist. Du seist eine Frau mit dem Talent zur Selbstdarstellung. Stimmst du dieser Aussage zu?

Natürlich kann ich es, ja. Für etwas stehe ich auf der Bühne und habe schon mehrere Auftritte in Musicals gehabt. Ich kann mich gut verkaufen. Es gibt solche, die könnten es auch, aber machen es nicht. Wenn man schon das Talent dazu hat, warum sollte es man dann nicht nutzen? Aber es heisst trotzdem nicht, dass ich mich überall verkaufe. Ich mache nicht alles.


Wo liegen die Grenzen gerade in Bezug auf die Show?

Ich habe im Vorfeld gesagt, wie viele Männer ich küssen würde. Ich kann bis zu einem gewissen Grad schauspielern, aber wenn es nicht für einen Filmdreh ist, küsse ich keinen, bei dem es nicht passt. Es geht schliesslich um mein Liebesleben.


In diesem Moment kommen drei Mädchen im Teenageralter und bitten Chanelle um ein Selfie.


Süss. Das ist so die Generation, die einen als Vorbild nehmen. Als ich erwachsen wurde, waren die Kardashians überall. Deshalb sind auch so viele von meiner Generation operiert. Sie wussten gar nicht, was überhaupt Realität ist. Ich zeige, dass ich Speckröllchen habe und dass nicht alles perfekt ist. Wenn ich keine Lust auf ein Lächeln habe, dann mache ich eine Grimasse. Genau wegen solchen Mädels, denn die nehmen einen so krass wahr.


Welche Dinge gibst du ihnen weiter?

Sich selbst sein. Je spezieller man ist, desto cooler. Wenn man Instagram öffnet, sehen alle identisch aus. Ich finde es toller, wenn die Leute auf ihre eigene Art und Weise anders sind. Man soll sich nicht verstellen oder schämen. Das würde ich auch meinem jungen Ich sagen. Ich habe mich angepasst. Meine Haare gestreckt, meinen Style normaler gemacht, die Stimme leiser gehalten, ja nicht auffallen. Dies würde ich nicht mehr so machen. Es ist wichtig, sich selbst zu bleiben und sich nicht zurückzuziehen. Anders ist nicht schlecht – sondern speziell.


Über Chanelle Wyrsch:

Chanelle wurde bereits durch ihre Teilnahme bei «DSDS» bekannt. Ihr Ausscheiden im Halbfinale liegt drei Jahre zurück. Seither hatte sie zahlreiche Auftritte als Schlagersängerin und Musicaldarstellerin. Nebenher arbeitet sie als Landschaftsgärtnerin im Betrieb ihres Vaters. Den Weg zurück ins Büro (ursprünglich ausgebildete Kauffrau) sieht sie nicht.

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