• Diana Kottmann

Couchgeflüster #18 - Burak Ates

Von 0 auf 100. Vom Polymechaniker auf die Kinoleinwand ohne Schauspielkurs, ohne Workshops. Der 26-jährige Burak Ates, ein klares Naturtalent, wurde für die Hauptrolle im Schweizer Kinofilm »Beyto« ausgewählt. Seine Premiere als »Schauspieler« hatte er im Kindergarten – auch da spielte er die Hauptrolle. Im Film spielt er Beyto, einen jungen Schweiz-Türken, der sich in seinen Schwimmtrainer Mike verliebt. Dann beginnt die Zerreissprobe.


Warum bist du überhaupt zum Casting gegangen?

Mein Fitnesstrainer hat mich darauf aufmerksam gemacht. Und dann bin ich einfach dorthin gegangen, weil ich eine mögliche Chance darin gesehen habe. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt aus meinem Leben ausbrechen. Ich habe die Ausbildung zum Polymechaniker gemacht, was aber überhaupt nicht mein Ding war - und ist. Als ich den Castingaufruf gesehen habe, wusste ich, dass ich das versuchen möchte.


Woher kommt dein Interesse fürs Schauspiel?

Ich habe mich bereits als Kind davon faszinieren lassen. Vor fünf Jahren wollte ich an der ZHdK studieren. Da meine Mutter jedoch krank wurde, fehlte die Zeit dafür.

Du wurdest trotz fehlender schauspielerischer Erfahrung ausgewählt. Was war die grösste Herausforderung während den Dreharbeiten?

Die intimen Szenen. Diese waren sehr schwierig. Es war ja alles neu für mich, aber dieser Bereich war besonders schwierig. Auch für Dimi (Anm. Dimitri Stapfer) waren die Szenen neu, aber er ist bereits seit Jahren Profischauspieler. Ohne ihn hätte ich dies nicht geschafft. Wir haben das Ganze gemeinsam durchchoreografiert. Es brauchte viel Zeit, bis ich die Nähe zulassen konnte. Dimi brauchte viel Geduld. Aber... Wir haben es geschafft.

Was war schlussendlich der Schlüssel?

Es war reine Konzentrationssache. Du suchst dir Attribute beim Gegenüber, die dich immer wieder fokussieren lassen. Dimi hat beispielsweise sehr schöne Haare. Wie Jack im Film Titanic. Ich sagte ihm dann: »Ach, Dimi, du hast so schöne Haare.« Dann fokussierte ich mich voll darauf. Bei ihm waren es glaube ich meine Augen oder meine Lippen. Einfach ein Detail, woran man sich halten kann, was einem die Konzentration gibt. Gerade aufgrund der Herausforderung sind die intimen Szenen mittlerweile meine Lieblingsszenen.

Was konntest du von Dimitri lernen?

Alles. Alles, was ich nun im Schauspielstudium habe. Ich hatte Glück, dass ich mit einem solchen Profi und Talent wie Dimi zusammenarbeiten durfte. Er ist auf einem so hohen Niveau und hat mich quasi mitgezogen. Ohne ihn hätte ich es nie geschafft.

Welche Reaktionen haben dich bewegt?

Es melden sich überraschend viele Leute bei mir und bedanken sich. Auch während den Dreharbeiten gab es eine solche Szene. Wir drehten am ersten Tag während der Pride 2019. Einer der Statisten umarmte mich plötzlich. Er hat mir direkt in die Augen geschaut und sagte: »Du spielst meine Geschichte. Ich habe lange Zeit gelitten. Du machst alles richtig.« In diesem Moment habe ich das erste Mal realisiert, woran ich gerade arbeite. Nach den Dreharbeiten habe ich von jemandem erfahren, der von seinem Vater geschlagen wurde, den sie in die Türkei geschickt haben, dass er »normal« wird. Er kam zurück in die Schweiz und musste sich eingestehen, dass er immer noch homosexuell ist. Er ging dann von zuhause weg. Und genau ihn habe ich getroffen. Er meinte nur: »Buri, danke vielmals, dass du das für uns machst.« Da habe ich gesehen, was ich geleistet habe, wofür ich eingestanden bin.

Gab es negatives Feedback?

Bis vor zwei Wochen nicht. Alle Reaktionen waren super. Auch die Filmkritik. Ich hörte von keinem, dass ich beziehungsweise meine Leistung schlecht sei. Es gab dann 2,3 Personen türkischer Abstammung, die es nicht ganz so sahen. Ich sei eine Schande für die Türkei, dass ich mich für Geld an die Schweizer verkauft habe. Aber das stimmt alles nicht. Ich habe das Ganze mit Leidenschaft gemacht und freiwillig so gewollt.

Brauchst du die Schauspielausbildung überhaupt noch?

Gute Frage! Gitta Gsell (Regisseurin »Beyto«) riet mir zu Workshops oder einem Studium. Mit Corinna Glaus (bekannteste Casterin) habe ich auch darüber gesprochen und sie meinte, es sei alles super, aber Workshops seien zu wenig. Es hilft, wenn man in die Schule geht und alles Stück für Stück lernt. Ich habe die Aufnahmeprüfung an der EFAS gemacht und prompt bestanden. Doch dann wurde die Schule aufgelöst und ich stand inmitten einer Sackgasse. Ich wusste erst gar nicht, dass sich die Dozenten zusammengetan haben und die neue Schauspielschule »FilmZ« gründeten. Mein Filmvater Serkan Tastemur hat daraufhin Max Hubacher, einen sehr bekannten Schauspielerkollegen, angerufen und dieser meinte: »Sag’ Dimis Filmpartner, dass er brav in die Schule gehen soll.« Diese drei Feedbacks bestätigten mir, dass dieser eingeschlagene Weg der richtige ist.

Macht es dich traurig, dass deine Eltern dich nicht wirklich unterstützt haben?

Natürlich. Es ist ja so: Alle anderen unterstützen mich. Aber dies reicht nicht, wenn du weisst, dass dich deine eigenen Eltern nicht unterstützen. Selbst wenn dich die ganze Welt unterstützen würde, fühlst du dich nicht unterstützt. Punkt. Meine Mutter hat den Film gesehen. Sie kam überraschenderweise an die Premiere in Solothurn, war aber nicht überzeugt. Sie war enttäuscht, dass ich diese Rolle gespielt habe. Auf eine Art ist es traurig, auf eine Art verstehe ich es. Sie kennt das nicht, Homosexualität. Sie kann selber auch nichts dafür. Sie wurde so erzogen. Das ist eine ganz andere Generation.

Wie würde es aussehen, wenn du einen Hetero spielen würdest?

Dann habe ich die Unterstützung. Mittlerweile ist meine Mutter mein grösster Fan, was das Schauspiel generell angeht. In der Türkei habe ich nun auch eine Agentur. Mein Vater ist noch unentschlossen, da er wollte, dass ich etwas anderes studiere. Ich studiere noch Wirtschaftsinformatik nebenher.

Wie hat es sich auf den Raum Türkei ausgewirkt?

Die Casterin, die für die türkischen Schauspieler verantwortlich war, kam überraschenderweise an den Dreh in der Türkei. Sie war begeistert von mir, da ich akzentfrei türkisch spreche. Sie hat sich mit einer Agentin zusammengeschlossen, um direkt als Agentur zu fungieren. Parallel dazu hatte ich ein Angebot der grössten Agentur. Doch man muss ehrlich zu sich selbst sein. In einer solch grossen Agentur wäre ich sicherlich auf der Ersatzbank gelandet.

Liebe ist Liebe – das sagst du in deinen Interviews. Glaubst du, dass wir das irgendwann alle verstehen werden?

Es braucht Zeit. Die früheren Generationen lassen es nicht zu. Menschen ab 40 können wir auch nicht mehr ändern. Ab unserer Generation, sagen wir 90er-Jahrgänge und alle, die hier gross geworden sind, verstehen es. Es ist so, wie es ist. Die sexuelle Ausrichtung ist nicht bei jedem gleich und das ist okay so. Ich denke, dass »Beyto« als Film Erfolg haben wird, weil das Thema seit Jahren aktuell ist. Es gibt täglich neue Fälle, die nicht kommuniziert werden, die dasselbe erleben. Hoffentlich löst der Film etwas aus. Dass auch die ältere Generation sich Gedanken darüber macht und sich fragt: Warum machen wir das? Wir sind alles Menschen mit Gefühlen, wir alle haben ein Herz. Man sollte es einfach zulassen und akzeptieren.

Bist du dir deines Mutes bewusst?

Nein. Ich realisiere das Ganze selbst noch nicht ganz. Ich bin immer noch derselbe. Burak aus Solothurn, der gern ins Fitnesstraining geht. Ich bin in diesem Mood drin. Kürzlich hat mich jemand am Bahnhof am Arm gepackt. Ich erschrak. Doch er sagte: »Du bist doch der... Der vom Film. Beyto.« Ich nickte verlegen. »Super gespielt. So gut, toi toi toi.« Da denkst du dann schon, wow.



Über Burak Ates:

Der 26-jährige Burak Ates spielt in seinem ersten Film «Beyto» einen homosexuellen Mann mit türkischen Wurzeln. Ohne Workshop, ohne Schauspielausbildung ging es für ihn direkt in die Hauptrolle, auf die Kinoleinwand und ans Zürich Film Festival als gefeierter Newcomer. In der Zwischenzeit hat er seine Schauspielausbildung begonnen. Man darf gespannt sein, in welchen herausfordernden Rollen Burak zu sehen sein wird, wenn er direkt zum Einstieg eine solche Rolle spielerisch meistert.


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