• Diana Kottmann

Couchgeflüster #7 – Antonella Patitucci

Antonella Patitucci ist Schauspielerin, Musicaldarstellerin und Content Creator. Ende 2018 hat sie für Schlagzeilen gesorgt, weil sie das Aushängeschild einer nationalen Anti-Stalking-Kampagne war. Ich habe mit ihr über die emotionalen Herausforderungen, Auswirkungen und die spirituelle Ader gesprochen.


Ende 2018 warst du das Aushängeschild einer Anti-Stalking-Kampagne, die schweizweit für Furore sorgte. Würdest du den riesigen Shitstorm nochmals auf dich nehmen?

Definitiv. Die Art und Weise, wie das Ganze an die Öffentlichkeit geriet, würde ich jedoch ändern. Denn ich war völlig machtlos. Mehr als zwanzig Leute waren in diesem Projekt involviert. Ich war lediglich das Gesicht. Ich hatte keine Macht, um etwas ändern zu können. Ich würde mich aber jederzeit wieder für eine Anti-Stalking-Kampagne einsetzen. Es hatte einen Grund, warum mir diese Thematik so am Herzen lag. An diesem Grund hat sich bis heute nichts geändert.


Wie hast du dich emotional während und nach der Aktion gefühlt?

Sehr schlecht. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es spurlos an mir vorbeiging. Der schlimmste Moment war, als ich wusste, dass es am nächsten Tag öffentlich gemacht wird. Es war mir nicht bewusst, was ich für eine Reichweite habe oder was es für eine Reichweite generieren kann. Ich wusste nicht, wie gross die Geschichte wirklich wird. Nachträglich betrachtet, habe ich meine Vision aus den Augen verloren. Was war meine Message? Es ging um die Problematik «Stalking» und überhaupt nicht darum, was die Leute von mir denken. Sobald es dann öffentlich war und ich die ersten bösen Kommentare kassiert hatte, habe ich mir gesagt: «Antonella, du bist dazu da, etwas zu bewegen. Du hast eine Mission. Es geht nicht darum, anderen zu gefallen.» Dann habe ich meine Seite der Geschichte dargelegt und sehr viele Leute haben sich daraufhin auch bei mir entschuldigt. Sie haben wohl darüber nachgedacht, dass die Grundidee eine gute Sache war. Es ist dann einfach ausgeartet – mit mir als Aushängeschild.


Welche Folgen gab es in Sachen Schauspielengagements oder Influencerkampagnen?

Gar keine. Von grossen Labels habe ich sogar Lob erhalten. Generell gab es positive Rückmeldungen von jenen Menschen, die in meinen Augen sehr reflektiert sind, das grosse Ganze sehen konnten und nicht nur die böse Antonella. Kunden fanden es toll, dass ich ihr Ambassador war. Da ich für etwas einstehen konnte.


Du bist ein sehr spiritueller Mensch. Woher konntest du die Kraft schöpfen, als du am Tiefpunkt angelangt warst?

Im Moment, in dem man fällt, muss man sich Fragen stellen: Wovor habe ich Angst? Was ist meine Vision? Was ist mein Antrieb? Warum wollte ich dies machen? Warum habe ich Ja gesagt? Das «Warum» hat sich nicht geändert. Zu keinem Zeitpunkt. Wenn man es schafft, sich in solchen Momenten mit dem «Warum» zu verbinden, erhält man genug Kraft, die Krise durchzustehen. Wichtig ist aber, dass man jederzeit hinter diesem «Warum» stehen können muss. Wenn es eine Kampagne gewesen wäre, die mir emotional nichts bedeutet hätte, wäre es schwieriger geworden, aus dieser Krise gestärkt hervorzugehen.


Welche Tipps gibst du Menschen mit, die ihr «Warum» noch nicht gefunden oder aus den Augen verloren haben?

Ich persönlich mag es, zu meditieren, inspirierende Bücher zu lesen oder Videos zum Thema Persönlichkeitsentwicklung zu schauen. Es gibt so viele Tools, die sogar gratis sind. Man muss sich selbst begegnen, auch wenn es nur fünf Minuten sind. Die Augen schliessen, tief durchatmen, den Herzschlag wahrnehmen. Sich fragen: «Wie geht es dir heute?» Aufschreiben, was kommt.


Du bist ausgebildete Schauspielerin und Musicaldarstellerin. Seit ein paar Jahren bist du in der Sparte Influencermarketing/Content Creation tätig. Übergreifend steht das Spirituelle. Doch wofür schlägt dein Herz nun?

Meine Mission ist es definitiv, meine Reichweite nutzen zu können. Ich höre nicht mit Instagram auf. Aber der Content wird sich verändern. Ich möchte nicht nur einfach Werbung schalten, sondern meine Message verbreiten und möglichst viele Menschen damit erreichen. Es geht mir darum, Menschen zu inspirieren, ihnen das Potenzial aufzuzeigen, das jeder Einzelne von uns in sich hat.


Wie sieht eine Sitzung bei dir aus?

Ich konzentriere mich auf Gruppenworkshops, denn ich bin Fan von Gruppendynamik. Wenn dreissig Leute meditieren, ist die Energie stärker, als wenn nur du und ich meditieren. Wenn jemand aber einen akuten Fall hat, biete ich auch Einzelsitzungen an.


Wie findest du deine Balance in turbulenten Zeiten?

Indem ich immer wieder zu mir selbst zurückfinde. Ich verbringe viel Zeit mit mir selbst und höre nach innen. Dabei hilft mir Meditation und Yoga. Es ist wichtig, dass ich mich immer wieder abkopple und mich frage, was meine Gedanken sind. Was fühle ich? Ich gehe nach jedem Austausch mit Menschen in die Reflexion. Ich frage mich: Ist es auch meine Wahrheit? Oder übernehme ich einfach die Gedanken anderer?


Warum verzichten manche Menschen auf die Begegnung mit sich selbst und ignorieren die Reflexion?

Die Antwort liegt auf der Hand. Reflexion braucht Mut. Hinhören braucht Mut. Doch nicht jeder ist mutig genug, zu erfahren, wie es einem wirklich geht. Viele haben Angst, das Fass zu öffnen. Bei uns allen hat es Müll drin, Reste von Verletzungen, Trauer. Jeder hat seinen Rucksack. Der Unterschied von mir zu jemand anderem ist lediglich der, dass ich mir dieses Zeugs anschaue und daran wachse. Andere hingegen versperren sich. Ich denke, sie schränken sich aber somit selbst ein. Denn unser Potenzial liegt auf einer tieferen Ebene und nicht im Oberflächlichen. Die, die nicht reflektieren können oder wollen, haben somit Angst vor sich selbst und der Wahrheit. Sie lenken sich dann lieber ab. Dafür ist Social Media super. Statt dass ich mich mit mir selbst beschäftige, schaue ich in die Leben anderer und entferne mich von mir selbst. Es ist die einfache Lösung, die jedoch zu nichts führt.


Wie stehst du zum Thema Weinen?

Es ist doch vollkommen okay, wenn man traurig ist. Dann heult man eben mal ein paar Stunden. Na und? Für mich sind dies Emotionen, die dazugehören. Genauso wie Freude dazugehört. Viele Menschen verurteilen Trauer, weil Tränen ihrer Meinung nach Schwäche zeigen. Ich aber finde, dass alle Emotionen dazugehören und angenommen werden müssen. Ein Mann, der weinen kann, ist nicht schwach. Im Gegenteil. Er ist enorm stark, dass er seine Verletzlichkeit zeigt. Wir alle sind verletzlich. Wenn wir diese Tatsache ignorieren, bringt es uns nicht weiter.


Was ist deine grösste Angst?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, ich bin generell eher furchtlos. Wenn ich aber spontan antworten muss, würde ich sagen... Einen Elternteil zu verlieren. Das Thema Verlust. Ich habe noch nicht viel Erfahrung mit Verlust. Da kenne ich mich nicht wirklich aus. Aber sonst? Ich habe harte Zeiten hinter mir, bin recht stabil und weiss, wie ich mich auffangen kann. Bei den Dingen, die ich nicht kenne, hätte ich somit Angst, dass ich den Bezug zu mir selbst verliere.


Wie gehst du mit deinen Unsicherheiten um?

Ich frage mich: Habe ich Angst? Wenn ja, wovor? Ist es das Gegenüber? Lasse ich mich einschüchtern? Warum war ich nervös? Ich gehe schon im Gespräch in die Vogelperspektive und merke bereits, dass ich mich beruhigen muss. Auch hier zeigt sich die Selbstreflexion.


Apropos Vogelperspektive. Vor ein paar Wochen hattest du einen interessanten Satz auf Instagram: Man sollte in die Vogelperspektive, nichts werten und nichts verändern wollen. Wie kommst bei schlimmen Verletzungen in dieses Mindset?

Man muss zuerst wahrnehmen, was passiert ist. Vielleicht weint man erstmals nur. Dann aber muss man irgendwann stoppen und sich fragen, was passiert ist. Einen Schritt nach aussen machen. Erst dann wird man neutral. Dann beginnt man zu ordnen: Was hat die Situation mit mir zu tun? Was darf ich lernen? Was will mir das Leben aufzeigen?


Ach, dieser Satz immer...

Genau! Was ist meine Lektion? Wenn man dies verstanden hat, kommt man sehr schnell, sehr weit. Alles, was uns triggert, hat mit uns zu tun. Alles was dich trifft, betrifft dich. Jemand sagt dir Folgendes: «Du bist eine doofe Kuh, denn du trägst ein hässliches Shirt.» Wenn es dich trifft, löst es etwas aus und es zeigt dir, dass irgendeine Baustelle vorhanden ist. Sonst würdest du sagen: «Okay, dir auch einen schönen Tag.» Wertfrei und emotionslos, denn es triggert dich nicht. Jeder Triggerpunkt ist ein Geschenk, wenn wir verstehen, dass es ein Trigger ist.


Über Antonella Patitucci:

Bereits als Kind hat Antonella die Leidenschaft zur Bühne entdeckt. Im jungen Alter von 15 Jahren packte sie ihre sieben Sachen und hat sich in Deutschland an die Musical Ausbildung Joop van den Ende gewagt. Seither spielte sie in zahlreichen Produktionen im Fernsehen und auf der Bühne mit. Aktuell verkörpert sie die Rolle der Katy im Schweizer Musical «Heimweh». Nebenher ist sie als Content Creator unterwegs und möchte ihre spirituellen Fähigkeiten im Rahmen von Workshops an alle Menschen weitergeben.


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