Couchgeflüster #25 - Andri Silberschmidt

Andri Silberschmidt ist 26 Jahre alt, Politiker (jüngstes Mitglied im Nationalrat), Mitgründer der Gastronomiekette «kaisin.» und arbeitet in der Finanzabteilung der Planzer Gruppe. Auf die Banklehre folgte der BSc in Business Administration und der MSc in Global Finance. Von «kaisin.» gibt es derzeit sieben Filialen - vier davon in Zürich und je eine in Bern, Zug und Basel.

Andri Silberschmidt, Nationalratsmitglied & Unternehmer | © andrisilberschmidt.ch

Wie wird man so jung Nationalrat?

Mit 17 war ich bereits politisch aktiv und übernahm Verantwortung bei den Jungfreisinnigen. Ich bin im Bezirk Hinwil aufgewachsen, mit 18 wurde ich Bezirksparteipräsident, mit 19 Kantonalpräsident, mit 22 Präsident von den Jungen Freisinnigen schweizweit. Ich habe Themen mit Elan vorangetrieben. Dies hat dazu geführt, dass ich 2018 ins Zürcher Stadtparlament gewählt wurde und dann im Herbst 2019 in den Nationalrat. Ich war und bin mit Herzblut dabei.


Gastrounternehmer (Mitgründer & Verwaltungspräsident «kaisin.»), CFO Project Manager (Planzer Support AG), Nationalrat – wie bringst du alles unter einen Hut?

Einerseits habe ich das Buch «Getting things done» gelesen. Das hat mir sehr geholfen, meinen Alltag klar zu strukturieren. Dazu habe ich drei «Regeln» für mich selbst aufgestellt. Ich schlafe mindestens sieben Stunden, trinke wochentags keinen Alkohol und mache 3-4x pro Woche Sport. Diese drei Dinge habe ich mir zur Angewohnheit gemacht. Es ist für mich aber nicht ein Pflichtenheft, an das ich mich halten muss. Das finde ich nur bedingt gut. Solche Dinge müssen wirklich zur Angewohnheit übergehen, wenn du dir selbst etwas Gutes tun möchtest. Es soll keine Liste sein mit Dingen, die man machen darf oder nicht.


Wie planst du deinen Tag?

Ich versuche, dass ich an vielen Tagen strukturiert vorgehe. Ich habe eine To Do List, in der ich alle meine Gedanken sammle. So habe ich meinen Kopf frei für Neues. Ich habe so selten das Gefühl, etwas zu vergessen. Es braucht aber auch Flexibilität, sei es bei Planzer oder «kaisin.» oder im Parlament. Mein Umfeld weiss, dass sie mit mir rechnen können, aber manchmal halt mit einer gewissen Verzögerung.


Warum warst du der erste Nationalrat auf Tik Tok - und auch auf Clubhouse?

Ich finde es spannend, bei solchen Plattformen von Anfang an mit dabei zu sein. Man hat auch dann am meisten Potential, ein Teil davon zu sein. Wenn du erst nach mehreren Jahren aktiv wirst, bist du auch einfach eine Person mehr, die diese Plattformen nutzt. Aus Kommunikationssicht möchte ich diese Plattformen austesten und schauen, ob ich mich wohlfühlen und einen Beitrag leisten kann.


Warum sollten PolitikerInnen diese Plattformen nutzen?

Es ist eine Aufgabe von uns PolitikerInnen, transparent zu kommunizieren. Wir sind VolksvertreterInnen. Es bedeutet effektiv, dass wir abdelegiert werden von unseren WählerInnen, um für sie im Parlament zu politisieren. Wenn man das ernst nimmt, muss man ständig in Kontakt mit den Menschen stehen, damit man die Bedürfnisse und Stimmungen wahrnehmen kann. Das ist der Grund, warum ich auf diesen Plattformen aktiv bin. Es macht mir aber auch grosse Freude, sonst würde ich es nicht machen. Es ist keine Pflichtübung für mich, sondern es begeistert und inspiriert mich.


Was ist dein Eindruck von der neuen App «Clubhouse»?

Ich finde es toll, neue Menschen kennenzulernen und mit ihnen zu diskutieren. Letztens meldete sich ein Mann und meinte, dass er weder Unternehmer noch Politiker sei, sondern einfach nur ein Mensch. Dies inspiriert einen direkt, zuzuhören. Man nimmt von jeder Diskussion neue Dinge für sich selbst mit. Jeder Mensch hat eine einzigartige Lebensgeschichte und ist geprägt durch Erfahrungen, die nur er gemacht hat. Wir alle haben spannende Geschichten zu erzählen.


Wie stehst du zum Thema Influencer Marketing und wo reihst du dich als Politiker, der Menschen inspiriert und «beeinflusst» selbst ein?

Spannende Frage. Es war für mich eine Gratwanderung. Was zeigt man auf diesen Plattformen von sich? Denn die Follower wollen einen ja auch als Person kennenlernen. Wieviel Politik betreibe ich, wieviel zeige ich von Planzer und «kaisin.»? Ich habe da einen Shift gemacht.


Wie sah dieser aus?

Zu Beginn habe ich mehr Privates gezeigt; wo ich war, was ich gegessen habe. Mittlerweile bin ich aber der Meinung, dass die Leute mich nicht 24/7 verfolgen müssen. Es kann auch von der eigenen Position ablenken, wenn ich zeige, was ich gerade für einen Milchshake gemacht habe. Wenn ein Influencer Werbung macht für Swissmilk, passt es. Ich kann mich als Person dann erlebbar machen, wenn man mit mir reden kann. Das «ich-zeige-euch-wie-ich-lebe» habe ich für den Moment minimiert.


Wie schwer ist dir diese Entscheidung gefallen?

Es war für mich nicht ganz einfach, weil ich auch lange Zeit Menschen gefolgt bin, die sich Influencer nennen. Die machen dies tagtäglich, 24/7. Man hat dann oftmals das Gefühl, dass man sich dieses Verhalten auch aneignen muss. Denn es gehört ja auf diese Plattform. Das wollen die Leute sehen. Aber ich bin nicht auf dieser Plattform, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern darum, mit den Menschen in Kontakt zu sein.


Was sagen Familie und Freunde zu deinem politischen Weg?

Mein privates Umfeld hat sich daran gewöhnt. Ich habe auch gemerkt, dass Auftritte in der «Arena» oder grosse Interviews in Zeitungen manchmal weniger Resonanz finden, als solche auf den sozialen Plattformen. Das ist verständlich, aber auch ein bisschen schade.


Warum?

Ich bin ein Mensch, der gerne Kritik erhält. Deshalb habe ich eine Gruppe von Leuten eingerichtet, die mir alle drei Monate Feedback geben. Was hat ihnen gefallen, was nicht. Denn ich sehe die Gefahr dieser Blase. Klar, wir sind alle in einer Blase drin, aber als Politiker ganz besonders.


Wie gehst du mit Unsicherheiten um?

Grundsätzlich versuche ich, all die Risiken zu kennen, die ich eingehe. Das heisst: Es geht um die Risiken, die bekannt sind, aber auch um diejenigen, die wir im Vorfeld nicht kennen. Der Ansatz kommt ebenfalls aus einem Buch – «The Black Swan». Mit diesem Buch habe ich gelernt, darauf zu achten, dass man möglichst keine Risiken eingeht, die existenziell werden könnten. Ich habe mich über die Jahre so aufgestellt, dass ich zwar oft Risiken habe, diese aber rechtzeitig zu erkennen versuche. Ganz ohne Risiken wäre es allerdings schwierig, Erfolg zu haben.

Welches ist deine grösste Stärke?

Ich bin recht gut darin, vernetzt und schnell zu denken. Es bereitet mir meist keine Schwierigkeiten, von jetzt auf gleich in ein anderes Thema zu wechseln. Ich glaube, das kommt mir in der Politik als auch in der Wirtschaft zugute. Wenn du innert kürzester Zeit siehst, welcher nächste Schritt möglich und sinnvoll ist, sparst du viel Zeit.

Und deine grösste Schwäche?

Ich bin womöglich zu geschliffen, zu monoton. Ich kann vor viele Leute stehen und eine Rede halten. Und ich gebe mir Mühe, dass diese Rede gut wird. Aber es wird nicht so sein, dass die Zuhörer denken: «Da vorne steht der nächste Barack Obama.» Diese Gabe, eine Art Rockstar zu sein, habe ich nicht.


Auf welche Werte achtest du?

Als wichtig erachte ich Loyalität, Ehrlichkeit und Offenheit. Offen gegenüber sich selbst, indem man Fehler eingestehen kann und diese auch offen kommuniziert. Und natürlich offen gegenüber Neuem. Dass man alles sieht, was das Leben einem bietet, ohne ein Brett vor dem Kopf zu haben. Auch das muss man aber differenziert betrachten. Es gibt Menschen, die haben viel weniger Chancen als andere. Wenn ich jemandem, der mit der jetzigen Situation hadert, sage, dass er schauen soll, was das Leben sonst bietet, kommt das sicher nicht wirklich gut an. Was ich auch noch wichtig finde, ist der moralische Kompass.


Inwiefern?

Solange keine ethischen Grundsätze verletzt werden, soll jeder seine eigene Vorstellung und Definition von Moral haben. Doch Menschen ohne moralischen Kompass wirken für mich suspekt. Denn diesen Kompass brauchen alle.


Macht dir etwas Angst? Wenn ja, was?

Je älter man wird... Das hört sich jetzt schlimm an, denn ich bin ja erst 26. Doch mit den Jahren sieht man immer mehr Schicksale, bei denen eine schlechte Gesundheit eine entscheidende Rolle gespielt hat. Man hat Menschen im Umfeld, die sterben - ob jung oder alt. Solche Schicksale berühren jeden emotional sehr.